500 000 Demonstranten zeigten gestern in Berlin deutlich, wie sie zu einem Angriff auf den Irak stehen.Der Strom wollte nicht abreißen. Fast drei Stunden lang ergoss sich eine unüberschaubare Menschenmenge, vom Alexanderplatz im Osten und vom Breitscheidtplatz im Westen, zum "Großen Stern" in der Mitte Berlins. Bunte Fahnen und Transparente, blaue Luftballons und weiße Friedenstauben soweit das Auge reichte. Und mitten drin die Friedensstatue von New York, metergroß und patinagrün - mit Bombe statt Fackel in der ausgestreckten Hand.
"Ich weiß, was Krieg bedeutet", sagte ein Frau jenseits der 70, "deshalb demonstriere ich." Die alte Frau hatte eine hölzerne Krücke und humpelte die drei Kilometer vom Alex bis zur Straße des 17. Juni, wo der Zug zum Stehen kam.
Es war die unglaublichste Demonstration, die Berlin je gesehen hat. Optimistisch hatten die Veranstalter 100 000 Teilnehmer erhofft, hatte die Polizei nur mit 50 000 Friedensfreunden gerechnet. Und dann das. Aus allen Himmelsrichtungen waren sie gekommen, aus Mecklenburg und Niedersachsen, aus Hessen und Hamburg, aus der Lausitz und dem Havelland. Sie kamen in über 600 Bussen, mit der Bahn, mit dem Privatauto, sogar per Flugzeug. An diesem Samstag, der nunmehr ein historisches Datum markiert, demonstrierten in Berlin nicht die Randgruppen der Gesellschaft, keine rechten oder linken Radikalen, Punks oder Chaoten - es demonstrierte das bundesdeutsche Bürgertum: Ärzte, Lehrer, Ingenieure, Kaufleute, Arbeiter und Angestellte, Großeltern, Eltern mit Kind und Kegel, Jugendliche mit Handy, alle gut eingepackt, denn es war bitter kalt.
Die Stimmung war ruhig, beinahe weihevoll. Rhythmische Trommler sorgten gelegentlich für akustische Atmos-phäre, ausländische Gruppen für internationale Exotik. Skandiert wurde nur selten und wenn, dann in alter Sozialisten-Tradition: "Hinter den Bomben steht das Kapital, Widerstand ist international!" Vielseitiger war da schon das Meer der Transparente, deren tapfere Träger neben dem üblichen "No War" (Kein Krieg) auch Phantasie bewiesen: "War ist die Vergangenheit von Sein"; "Frieden ist geil"; "Joschka, halte durch!"; "Menschen im Irak, ihr seid nicht allein." Keine Frage, dass US-Präsident George Bush die Zielscheibe war: "Brot für die Welt, 'ne Brezel für Bush" (Anspielung darauf, dass sich der Präsident kürzlich an einer Brezel verschluckt hatte). Oder platt : "Lieber Feldbusch als George Bush." Aber auch makabre Sprüche waren zu lesen: "Esst mehr Amerikaner!" und drastisch: "Bush und Rumsfeld, die Achse des Bösen."
Mitten drin die politische Prominenz. Trotz der Bitte des Bundeskanzlers, sich bei der Demo zurückzuhalten, hatten sich die Minister Heidi Wieczorek-Zeul, Jürgen Trittin und Renate Künast unter die Demonstranten gemischt. Auch der zweite Mann im Staate, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, demonstrierte seine Gesinnung. Ferner gesichtet: die PDS-Größen Gabi Zimmer und Gregor Gysi, Berlins SPD-Chef Peter Strieder, der grüne Berufslinke Christian Ströbele. Sie hatten Glück, da sie weiter vorne weilten, die Ansprachen der Hauptredner (der Friedensaktivist und Pfarrer Friedrich Schorlemmer, Verdi-Chef Frank Bsirske) und die Musik der alten Haudegen Hannes Wader, Konstantin Wecker, Reinhard Mey tatsächlich auch hören zu können. Die Veranstalter (ein "Aktionsbündnis" aus rund 50 Organisationen) hatten, völlig überrascht von diesem gewaltigen Ansturm, den Aufmar schplatz am Tiergarten nur unzulänglich beschallt. Liedermacher Mey ging als erster Promi auf die Bühne: "Es ist gut, bei euch zu sein. Das ist doch ein Bild, das Mut macht."
Schauspieler Peter Sodann sorgte für stille Nachdenklichkeit, als er von seinem Vater sprach, der im Zweiten Weltkrieg gefallen ist: "Das darf der heutigen Generation nicht wieder passieren." Die 500 000 Leuten waren trotz aller Sorgen und Ängste von dem Glücksgefühl beseelt, aktiv gegen "das Kriegsgeheul der Bush-Krieger" protestiert und damit ein machtvolles Zeichen gesetzt zu haben. Die 63-jährige Rentnerin Sabine Downey aus Berlin drückte aus, was viel dachten: "Ich habe schon gegen den Vietnam-Krieg demonstriert. Damals hat es nichts genutzt - aber dieser Protest heute macht mir Hoffnung."