Die Welt der Großen ist bis ins Kleinste nachgebildet. Auf dem gedeckten Tisch stehen winzige Silberteller, flankiert von Besteck und einem Kerzenleuchter. Auf der Anrichte verheißen eine Weinflasche und Kelche - nur jeweils einen Zentimeter groß - Gaumenfreuden. Puppenhäuser und Kaufmannsläden verbreiten eine ganz eigentümliche Faszination. "Der eine schwelgt in Erinnerungen, der andere staunt, was es alles gibt", sagt Andrea Rudolph, Kuratorin der Ausstellung "Die Welt im Kleinen" im Dresdner Stadtmuseum. Die Altersspanne der erhofften Besucher ist deshalb auch ziemlich weit gefasst - von drei bis 103 Jahre.

"Kinder können heute in alten Puppenstuben Dinge sehen, die es schon lange nicht mehr gibt", sagt die Hamburger Galeristin und Museumsleiterin Elke Dröscher. Sie sammelt seit fünf Jahrzehnten Spielzeug und hat sich vor allem auf Puppen, Puppenhäuser und Kaufmannsläden spezialisiert. Mit ihrer "Guckkastenwelt" möchte sie die Fantasie der Kinder anregen. "Es ist ja so, als wäre ich in der Welt von 1850 oder 1880", macht sie das am Beispiel historischer Puppenstuben klar. Tatsächlich lernen Kinder aber nur einen Teil der damaligen Zeit kennen. Denn seinerzeit spielte in den Fantasien der Hersteller allein die Welt des Adels und Bürgertums eine Rolle.

Puppenstuben nach dem Vorbild wenig betuchter Arbeiterhaushalte gab es nicht. Die kleine heile Welt sollte möglichst glitzern. Dröscher ist als gelernte Designerin und Innenarchitektin bei Puppenhäusern gewissermaßen vom Fach. Mit deren Geschichte hat sie sich ausgiebig befasst. Die Anfänge der Puppenstube datiert sie ins 14. bis 15. Jahrhundert. Anfangs hätten sie dazu gedient, Mädchen auf die spätere Haushaltsführung vorzubereiten. Ab Ende des 18. Jahrhunderts lässt sich bereits eine Serienproduktion nachweisen. Im ausgehenden 19. Jahrhundert habe Spielzeug in der deutschen Ausfuhrstatistik schon auf Platz 14 der Exportgüter gestanden, sagt die Sammlerin.

Dröscher räumt ein, dass in der Generation der 68er die in Puppenstuben gepflegten Manieren nicht gerade hoch im Kurs standen. "Wenn jemand da ein Messerbänkchen oder einen Serviettenring eingefordert hätte, wäre er für die Republik wohl verloren gewesen." Dennoch hätten Puppenhäuser immer auch den Wandel der Zeit dokumentiert. Da wertvolles Spielzeug oft innerhalb der Familien vererbt worden sei, habe jede Generation etwas ausgetauscht und Neues hinzugefügt, sagt Dröscher. So kommt es zustande, dass in eine Puppenstube aus dem Biedermeier später auch die Gründerzeit oder der Jugendstil Einzug hielt.

Kuratorin Rudolph hat jetzt im Alter von 33 Jahren ihr Puppenhaus tapeziert, um den Geschmack der Neuzeit besser zu bedienen. Zu Weihnachten schenkt sie es ihrer fünf Jahre alten Nichte. Die Wohnung en miniature mit sechs Zimmern ist noch mit DDR-Möbeln ausgestattet. Anfang der 1970er-Jahre hatte Rudolphs Großvater das Haus für seine Tochter gebaut. In zweiter Generation wurde es zur Wendezeit gelegentlich mal zweckentfremdet: "Wir haben es dann zum Autohaus umfunktioniert, auch mal zur Ritterburg oder für Playmobil", erinnert sich Rudolph an die Kindheitstage mit ihrem Bruder.

Von diesem Freitag an gewährt das Stadtmuseum Dresden in seiner traditionellen Weihnachtsausstellung einen Einblick in die kleine Welt. Elke Dröscher hat dazu ausgewählte Exponate ihrer Sammlung nach Dresden gebracht. Sie hofft, dass nicht nur Kinderaugen leuchten.