"Die Araber
sind von
großen
Ohnmachtsgefühlen
beherrscht"
 Henner Fürtig
vom Orient-Institut
in Hamburg



Saddam Hussein hat sein Volk via Fernsehen zum Widerstand gegen den US-Angriff aufgerufen. Welche Bedeutung hat dieser Appell für die Iraker„
Das sind die üblichen Propagandaversuche. Die Bush-Rede bei Kriegsausbruch fällt übrigens unter die gleiche Kategorie. Auch wenn beide natürlich völlig andere Zusammenhänge herstellen.

Schweißt die äußere Bedrohung den Diktator Saddam Hussein und sein Volk zusammen“
Das ist praktisch ausgeschlossen. Schauen Sie, seit 1980 befindet sich der Irak entweder im Krieg oder er hat mit seinen Folgen zu tun. Da ist eine ganze Generation betroffen. Allein der Konflikt mit dem Iran hat eine Million Tote gekostet. Es gibt im Irak praktisch keine Familie, die von den Auseinandersetzungen nicht in irgend einer Form betroffen ist. Hinzu kommen die seit elf Jahren andauernden Sanktionen. Das heißt, die Masse der Iraker will endlich wieder unter normalen Bedingungen leben. Und zwar so schnell wie möglich.

Werden die Amerikaner dann als Befreier empfunden„
Wenn die Amerikaner es schaffen, den Krieg zügig und ohne große zivile Opfer zu entscheiden, dann wird am Ende so etwas wie verschämte Dankbarkeit herrschen. Die Stimmung kann allerdings sehr schnell umschlagen, wenn der Waffengang lang und verlustreich wird.

Wie schätzen Sie das militärische Potenzial Saddams ein“
Es gibt fünf klar von-einander getrennte Streitkräfte. Die reguläre Armee gilt als sehr wankelmütig. Dann haben wir die Republikanische Garde und die Spezielle Republikanische Garde, letztere vor allem zur Verteidigung Bagdads. In den Regierungsbezirken operieren die bewaffneten Teile der fünf sich gegenseitig überwachenden Sicherheits- und Geheimdienste. Hinzu kommt die Leibwache von 5000 Mann in Saddams Palästen. Rein technisch sind die Amerikaner haushoch überlegen. Die Frage ist jetzt, ob die Iraker in Scharen überlaufen oder ob es zu einem Häuserkampf in Bagdad kommt. Das kann niemand vorhersagen.

Der arabische Raum galt schon vor dem Krieg als instabile Region. Müssen wir nun einen Flächenbrand in der Region befürchten„
Das hängt vom Kriegsverlauf ab. Nur wenn der Krieg rasch zu Ende geht, wird es in den Nachbarstaaten, deren Regime panische Angst vor Massenprotesten haben, einigermaßen ruhig bleiben. Man muss wissen, dass die meisten Länder in der Region nicht über entwickelte zivilgesellschaftliche Strukturen verfügen.

Welche Gefahren sehen Sie“
Zumindest werden sich die meisten Araber bestätigt fühlen, dass sie nur Objekte des Handelns sind. Sie sind jetzt schon von großen Ohnmachtsgefühlen beherrscht. Nun bestimmen die USA erneut ihr Schicksal. Und zwar in einer Weise, die nichts mit den vollmundigen Ankündigungen Bushs über Demokratie und Demokratisierung zu tun haben.
In der Region weiß man sehr wohl, wie viele UN-Resolutionen gegen Israel unbeachtet blieben. Diese Heuchelei regt die Menschen dort auf.

Mit HENNER FÜRTIG
sprach Stefan Vetter