. "Es war einmal ein kleines Mädchen. Das war so lieb und nett, dass jeder es gern hatte." So beginnen die Gebrüder Grimm ihr Märchen vom Rotkäppchen. Die Geschichte ist bekannt: Ein Mädchen besucht seine kranke Großmutter in einem einsamen Haus im Wald und wird dabei von einem bösen Wolf gefressen. Doch das Märchen bleibt ein Märchen. Dass kleine Mädchen von Wölfen gefressen werden, kommt in der Realität nicht vor. Auch nicht in Brandenburg und Sachsen, wo der Wolf mittlerweile wieder heimisch ist.

60 000 Euro Entschädigung

Schafe und Rehe dagegen werden häufiger einmal Opfer der Raubtiere. Bis zum November 2012 haben Wölfe in Brandenburg 303 Schafe, vier Ziegen, fünf Kälber sowie 51 Stück Damwild gerissen. Deren Besitzer erhielten rund 60 000 Euro Entschädigung. So steht es im neuen Brandenburger Wolfsmanagement-Plan, der im Dezember auf einer Fachtagung unter der Ägide des Umweltministeriums verabschiedet wurde, am 10. Januar der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll und der RUNDSCHAU bereits vorliegt.

In den Jahren 2009 bis 2012 seien mindestens 54 Wolfswelpen in Brandenburg geboren worden, im selben Zeitraum wurden zwölf Wölfe tot aufgefunden, heißt es in dem Papier. Rund ein Zehntel der Landesfläche werde derzeit von Wölfen besiedelt. Ziel des Wolfsmanagements ist es, "einen Beitrag zu einer deutsch-westpolnischen Wolfspopulation zu erbringen, die nationale und internationale Erhaltungskriterien erfüllt". Fast wortgleich steht es so auch im sächsischen Wolfsmanagementplan von 2011 - und auch bei den Zahlen ist man sich einig. "Nach den für die Mitgliedstaaten verbindlichen Vorstellungen der EU umfasst eine Wolfspopulation mit günstigem Erhaltungszustand mindestens 1000 erwachsene Tiere." Die sich dann je nach Wanderlust der Tiere auf Westpolen, Sachsen, Brandenburg und angrenzende Bundesländer verteilen würden.

Moderne Technik

Auch die Prioritätensetzungen sind in beiden Bundesländern ähnlich: Im Zentrum des Wolfsmanagements steht der Schutz der Wölfe - und der Nutztiere, die zu ihrem Beutespektrum zählen. Schäfer und Kälberzüchter werden sich künftig darauf einstellen müssen, ihre Tiere mit moderner Technik zu beschützen. Sinnvoll seien "Elektronetzzäune oder Fünf-Litzenzäune von jeweils mindestens 90 Zentimetern Höhe, stromführend mit mindestens 2500 Volt oder Drahtgeflechtzäune, wenn sie mindestens 1,4 Meter hoch und bodengleich mit einem Spanndraht versehen sind", empfiehlt der Brandenburger Wolfsmanagement-Plan. Gewerbliche Tierhalter können zur Errichtung von Zäunen eine Förderung erhalten, Hobbyhaltern stellt das Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz "in begründeten Einzelfällen leihweise Material" zur Verfügung. "Schäden an Weidetieren, bei denen der Wolf als Verursacher mit hinreichender Sicherheit festgestellt wurde, werden bei gewerblichen Tierhaltern und Hobbyhaltern finanziell ausgeglichen." Voraussetzung dafür aber ist, dass die gerissenen Weidetiere mit einem zumutbaren Schutz vor Wölfen gehalten wurden. Eine Übergangsfrist, in der ein Schadensausgleich auch dann gewährt wird, wenn keine oder nur unzureichende Schutzmaßnahmen durchgeführt wurden, läuft bis zum Jahresende 2013. "Sofern Präventionsmaßnahmen bei privaten Tierhaltern bis dahin nicht gefördert werden können, wird ihnen auch nach dem 31. Dezember beim ersten Schadensfall ein Schadensausgleich gewährt." Ähnlich ist die Regelung in Sachsen: "Schäden an Nutztieren, bei denen der Wolf als Verursacher nicht ausgeschlossen werden kann, werden im Fördergebiet finanziell ausgeglichen", heißt es im sächsischen Wolfsmanagement-Plan. "Voraussetzung dafür ist ein zumutbarer Schutz der Tiere, wie er den Haltungsbedingungen der jeweiligen Art entspricht."

Zentrale Infostelle

Um die Öffentlichkeit über die Wölfe und ihren Schutz zu informieren, soll es in Brandenburg ferner eine zentrale Wolfsinformationsstelle (WIS) geben. Denn der Schutz der Wölfe ist in beiden Bundesländern streng geregelt. Nur in extremen Ausnahmefällen sollen Wölfe getötet werden. "Kommt es durch einzelne Wölfe zu wiederholten Übergriffen bei geschützten Weidetieren und können auch zusätzliche Schutzmaßnahmen keine dauerhafte Abhilfe schaffen, so sind solche Tiere aus der Population zu entfernen", heißt es im Brandenburger Wolfsmanagement-Plan: "Dabei gilt der Grundsatz: Die Sicherheit von Menschen steht an erster Stelle." Und selbst kranke Wölfe haben in der Mark keinen Grund zu großer Sorge: Während der böse Wolf bei Rotkäppchen bekanntlich mit Steinen gefüllt und ertränkt wird, entscheidet bei kranken Wölfen in Brandenburg künftig ein "qualifizierter Tierarzt", ob das Tier "gegebenenfalls nach ambulanter Behandlung in freier Wildbahn belassen werden kann, oder ob eine vorübergehende stationäre Behandlung des Tieres in einer geeigneten Pflegestation mit anschließender Freilassung erforderlich beziehungsweise möglich ist."

Meister Isegrim wird's ganz sicher freuen.