Das Gehen fällt ihm mittlerweile schwer, aber am gestrigen Donnerstag, dem Internationalen Gedenktag für die Opfer des Holocaust, hat Beryl Wolfson noch einmal seine alte Mili tär uniform der 12. Panzerdivision der US Army angezogen. Frederick Carrier geht mit dem Sternenbanner in der Hand durch das Lagertor von Auschwitz, blickt auf die berüchtigte Aufschrift "Arbeit macht frei". An seinem 20. Geburtstag, im April 1945, gehörte Carrier zu den US-Soldaten, die das Konzentrationslager Buchenwald befreit haben.

Zusammen mit anderen Ex-Veteranen, die an der Befreiung anderer Todeslager der Nazis beteiligt waren, nimmt er am "Marsch der Lebenden" von Auschwitz nach Birkenau teil, zwischen rund 10 000 jungen Juden aus aller Welt, die an die Opfer des Holocaust erinnern wollen.

Auschwitz-Birkenau war im Januar 1945 von sowjetischen Truppen befreit worden.

"Es war unglaublich", erinnert sich Carrier, der schon bei der ersten Welle der US-Truppen bei der Landung in der Normandie dabei war. "Nichts im Krieg hatte uns auf das vorbereitet, was wir dort gesehen haben. Die Menschen waren nur noch lebende Skelette."

Irving Roth war eines dieser Skelette, ein 15-jähriger Junge aus der Tschechoslowakei, der den Todesmarsch von Auschwitz nach Buchenwald überlebt hatte. "Wir haben so auf sie gewartet", sagt er über die Ankunft der Amerikaner. An Carrier, der in der Kinderbaracke des Lagers Schokolade verteilte, kann er sich noch gut erinnern. "Diese ersten Stunden der Freiheit haben sich eingebrannt in mein Gedächtnis", sagt er. Der Befreier und der Befreite haben sich erst vor Kurzem nach all den Jahrzehnten wieder getroffen. Nun tauschen sie Erinnerungen aus.

Der 89 Jahre alte Beryl Wolfson hatte ebenso wie Donald Greenbaum keine Ahnung, was sie in Dachau erwarten würde. "Ich dachte, wir nehmen ein Munitions- oder Versorgungslager ein", sagt Greenbaum. "Drei Kilometer vom Lager entfernt haben wir zum ersten Mal den Gestank bemerkt", erzählt Wolfson. "Es war so schlimm, dass ich mich übergeben musste, aber wir hatten keine Ahnung, was das war." Erst als sie auf der Straße zum Lager die Eisenbahnwaggons voller Leichen sahen, ahnten sie, dass auch nach Monaten im Krieg hier ein noch größeres Grauen warten könnte.