Der Fernseher im Wohnzimmer von Mahmoud S. ist im Dauerbetrieb: Der syrischstämmige Lausitzer will mithilfe des arabischen Senders Al-Dschasira wissen, was in seiner Heimat passiert. Auf einem der Kanäle werden auch verwackelte Handyaufnahmen von den Protesten in der Stadt Homs gezeigt. Doch die Übertragung wird immer wieder unterbrochen. Für Mahmoud S. ist das kein Zufall. Einen Sendeplatz weiter zeigt das syrische Staatsfernsehen Spielfilme und Serien. "Die versuchen, den Menschen eine heile Welt vorzugaukeln", sagt Mahmoud S. - der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Herr S., haben Sie Angst?

Um mich selbst habe ich keine Angst. Ich lebe weit weg. Aber ich mache mir große Sorgen um meine Familie in Syrien.

Wie geht es Ihrer Familie?

Meine Verwandten leiden unter den Konflikten. Sie trauen sich nicht auf die Straße. Allein in dem Ort, in dem meine Familie wohnt, gibt es schon mehr als 50 Tote. Die Menschen hören Schüsse, fühlen sich im Kriegszustand. Sie kennen eine solche Situation nicht. Meine Familie lebt in großer Ungewissheit, in Angstzuständen. Die Straßensperren belasten sie psychisch ganz stark. Hinzu kommt, dass es kaum Heizöl und Gas gibt, die Preise sind explodiert - aber es ist Winter. Entweder das Regime will die Menschen damit bestrafen. Oder es ist eine Folge der alltäglichen Korruption.

Wie halten Sie Kontakt zu Ihren Verwandten?

Ich versuche, so oft wie möglich mit ihnen zu telefonieren. Wir halten auch Kontakt via Internet und chatten.

Das funktioniert reibungslos?

Nein, Telefongespräche werden regelmäßig gekappt. Chatten geht - wahrscheinlich schafft es das Regime einfach nicht, jeden Kontakt zu verfolgen. Natürlich traut sich niemand, offen über die Situation zu sprechen oder zu schreiben. Ich frage auch nicht direkt. Wir sprechen durch die Blume. Es ist fast wie eine Geheimsprache.

In Berlin ist ein syrischstämmiger Grünenpolitiker überfallen worden. Was glauben Sie steckt dahinter - wirklich der syrische Geheimdienst?

Die syrischen Geheimdienste sind bekannt und gefürchtet - meines Wissens gibt es 21 verschiedene. Das gesamte System stützt sich darauf. Kaum ein Syrer hat sich getraut, offen über die syrische Politik zu sprechen - auch im Ausland. Es gibt in Syrien eine Redewendung: Die Wände haben Ohren. Der Überfall auf den Politiker in Berlin ist doch kein Einzelfall. Botschaftsmitarbeiter haben schon vorher Aktivisten gedrängt, gestört oder verfolgt. Es ist nichts Neues.

Wie schätzen Sie die Lage in Ihrer Heimat ein? Was passiert dort gerade? Was bewegt die Menschen?

Der Arabische Frühling ist auf Syrien übergesprungen. Die Syrer haben lange darauf gewartet, sie saßen auf einem Pulverfass. Die Menschen im arabischen Raum haben fast alle die gleichen Probleme: Unterdrückung und Diktatur. Auf einmal zerfällt die Angstmauer - ausgehend von Tunesien. Es ist eine Revolution für die Freiheit, für die Demokratie. Die Syrer wollen leben wie normale Menschen. Die vergangenen Jahre in Syrien waren unerträglich - politisch und wirtschaftlich. Die Menschen haben es satt.

Worauf gründet die Macht von Präsident Baschar al-Assad?

Das System funktioniert seit 42 Jahren durch Unterdrückung. In dem Land regiert nicht das Parlament, regieren nicht die Minister. Sie haben nichts zu sagen, es sind nur Marionetten. Die Geheimdienste haben die Macht. Sie sagen den Ministern, was sie zu tun und zu lassen haben. Der alte Präsident und auch jetzt sein Sohn haben die Machtpositionen in der Baath-Partei, beim Militär und auch in der Wirtschaft unter Familienangehörigen aufgeteilt. Das sind die Herrscher.

Glauben Sie, dass das Assad-Regime stürzt?

Präsident Assad ist praktisch schon gestürzt - wenn ich sehe, wie viele Tausende Menschen auf die Straßen gehen und demonstrieren. Es war doch nicht einmal erlaubt, seine Bilder anzuschauen und ihn dabei zu kritisieren. Jetzt werden die überlebensgroßen Statuen von Vater und Sohn Assad niedergerissen.

Was kommt danach?

Das ist die große entscheidende Frage, die keiner beantworten kann - und die den Menschen Angst macht. Sie haben etwas gelernt vom Irak. Es ist ein zerstörtes Land, in dem Bürgerkrieg herrscht. Die große Sorge ist, dass auch in Syrien ein Bürgerkrieg ausbricht. Die Menschen wollen natürlich keinen Krieg. Tief im Innern wollen alle Veränderungen. Aber ein Großteil verhält sich noch neutral - weil keiner weiß, wohin sich das Land entwickelt. Die Opposition versucht, die Menschen und auch die Wirtschaft für sich zu gewinnen. Und das Regime hält bislang gegen.

Wie stark ist die Opposition?

Die Opposition ist sehr jung. Frühere Versuche wurden doch vom Regime immer im Keim erstickt. Jetzt gibt es zwei verschiedene Tendenzen in der Opposition: Die einen setzen alles daran, dass die Revolution friedlich verläuft. Dafür bin auch ich. Den anderen sind alle Mittel recht, auch Gewalt und militärisches Eingreifen von außen. Aber jede Einmischung von außen macht das Land kaputt. Die Spaltung der Opposition verunsichert die Menschen zusätzlich.

Mit Mahmoud S. sprach

Tilo Winkler

(*Name geändert)