Herr Danckert, gut 50 Tage vor der Fußball-WM will in Deutschland keine rechte Begeisterung aufkommen. Woran liegt das„
Erstens finde ich schon, dass das Interesse, vielleicht sogar die Begeisterung, zunimmt. Es hat allerdings ein paar Dinge gegeben, die nicht gut in eine geordnete Vorbereitung der Fußballweltmeisterschaft passen. Beispielsweise die Debatte über den geeigneten Torwart und die Überschriften einiger großer Zeitungen dazu, die ich indiskutabel finde. Die DFB- Oberen hätten sich dagegen zur Wehr setzen müssen. Auch der Verdacht der Spielmanipulationen unter Beteiligung von Nationalspielern hat den DFB belastet. Dadurch ist bewusst oder unbewusst Sand ins Getriebe geraten.

Hätte sich der DFB in der Torwartfrage deutlicher hinter die Entscheidung von Bundestrainer Jürgen Klinsmann stellen müssen“
Absolut. Wer Bundestrainer ist, verdient die volle Unterstützung der DFB-Verantwortlichen. Der Kampagne einer großen überregionalen Zeitung mit unakzeptablen Überschriften hätte deutlich und öffentlich widersprochen werden müssen.

Aber schadet es Klinsmann nicht auch, wenn Politiker ihn vor den Sportausschuss zerren wollen„
Die Stimmen von stellvertretenden Mitgliedern des Ausschusses, die das gefordert haben, kann ich nicht ernst nehmen. Wir sind Bundespolitiker und keine Bundestrainer.

In der Debatte um das Verhältnis von Bundestrainer und DFB geht es auch immer um die sportpolitische Frage, wie reformbereit eigentlich der Verband ist. Sind die Strukturen des DFB noch dazu geeignet, den deutschen Fußball voran zu bringen“
Mit Theo Zwanziger haben wir einen Präsidenten, der sehr gewissenhaft und zukunftsorientiert den Verband führt. Für mich ist deshalb die entscheidende Frage, in welchem Umfeld dies geschieht. Und da brauchen wir zweifellos eine Neuaufstellung in der DFB-Führungsetage. Wenn Jürgen Klinsmann seine Reformen und Bemühungen nicht erfolgreich durchsetzen kann, weil er am herkömmlichen Gedankengut und den Strukturen scheitert, wäre das bedauerlich. Aber auch der DFB wird irgendwann feststellen, dass sich die Dinge ändern müssen. Andere Fußballnationen sind schon einen guten Schritt voraus.

Prinzip Hoffnung„ Schon Klinsmanns Trainingsmethoden und Personalpläne haben für viel böses Blut gesorgt.
In der Hockey-Bundesliga werden an einem Wochenende zwei Spiele von jeder Mannschaft absolviert und die Spieler haben viel bessere Laktatwerte als die meisten Fußballprofis. Das heißt doch, es gibt einen erheblichen Nachholbedarf bei den Trainingsmethoden. Insofern wäre der Hockey-Bundestrainer als Sportdirektor für die Fußballnationalmannschaft nur ein Gewinn gewesen.

Ist die Fußball-Weltmeisterschaft inzwischen zu kommerzialisiert“
Die Debatte über diese Frage wird unmittelbar nach dem Endspiel am 9. Juli einsetzen. Dann wird uns bewusst werden, dass so ein Ereignis nicht nur positive Aspekte, sondern auch sehr viel Kritisches beinhaltet. In der Tat, die WM ist viel zu kommerzialisiert. Das liegt an der fast beängstigenden Macht und dem Einfluss der Fifa.

Eine Weltmeisterschaft bekommt man eben nur zu den Bedingungen der Fifa.
Stimmt. Aber gerade deswegen muss man die ungeheure Kommerzialisierung der WM und die faktische Machtausübung der Fifa kritisieren. Man hat ja den Eindruck, der Regierende Bürgermeister von Berlin hat nur noch rund ums Rote Rathaus Einfluss auf die Geschicke der Stadt. Das sind Entwicklungen, die von uns im Vorfeld nicht erwartet wurden.

Wird das Ereignis durch die unzähligen Zusatzveranstaltungen und den Kommerz überfrachtet?
Gerade in Berlin zeigt sich dies eklatant. Vor dem Parlament wird der Rasen zubetoniert und eine Fußballarena errichtet, im Bezirk Mitte/Tiergarten wird es die Fanmeile geben und wir machen sogar vor den Regierungsgebäuden Werbung für Adidas oder Spalttabletten. Ich bin strikt gegen solche Auswüchse. Ich frage mich, wie die Bundestagsverwaltung das alles zulassen konnte, wenn man doch ansonsten jeden Freizeitkicker vom Reichstagsrasen verjagt. Dieser ganze Kommerz wird im Juni die Dauerblockade des Bundeskanzleramtes und des Reichstages bedeuten.

Mit PETER DANCKERT
sprachen Hagen Strauß
und Werner Kolhoff