Herr Güllner, die SPD im freien Fall - was läuft schief bei den Sozialdemokraten„
Durch die Art und Weise ihrer innerparteilichen Diskussion haben die Menschen jegliches Zutrauen zur SPD verloren. Seit Mitte der 90er-Jahre hält der Bürger Veränderungen für unausweichlich. Dann hat sie der Kanzler in seiner Regierungserklärung vom 14. März endlich mal angedeutet und nun passiert wieder nichts. Die SPD ist dabei, alles wieder zu zerreden. Sie kümmert sich nicht um die Sorgen und Nöte der Menschen. Das ist das Hauptproblem.

Ist es nicht auch die Angst vor Reformen, die die SPD nach unten zieht“ Die Agenda 2010 enthält schließlich eine Menge Zumutungen.
Natürlich gibt es auch Leute, die keine Einschränkungen mehr hinnehmen können. Das ist ja auch die Aufgabe der SPD, hier die Gratwanderung hinzubekommen. Aber unsere kontinuierlich ermittelten Werte sprechen eine eindeutige Sprache: Die generelle Reformbereitschaft in der Bevölkerung steigt. Und auch die Bereitschaft, Mehrbelastungen hinzunehmen, geht nach oben. 53 Prozent der Menschen sagen sogar, die Reformagenda geht nicht weit genug. Nur 21 Prozent meinen, sie gehe zu weit. Auch von denen, die bei der Bundestagswahl für die SPD votierten, sagen 47 Prozent, die Agenda gehe nicht weit genug.

Die Union liegt mittlerweile bei fast 50 Prozent. Traut man ihr die Reformen eher zu„
Nein. Der Wert für die CDU wird in die Höhe gedrückt, ohne dass da ein echter Zulauf stattfindet. Sie schöpft ihr Stammwählerpotenzial optimal aus. Von den einstigen SPD-Wählern wandert nur ein kleiner Teil zur Union. Der größte Teil ist unentschlossen. Nur 21 Prozent von allen sagen, die Union würde es besser machen.

Nach der Wahl in Bremen wird auch über eine große Koalition im Bund spekuliert. Was halten die Wähler davon“
Die Koalitionsfragen sind den Menschen eigentlich egal. Sie wollen, dass eine wie auch immer geartete Koalition ordentlich ihre Arbeit macht. Dass die große Koalition nicht favorisiert wird, ergibt sich schon aus dem begrenzten Zutrauen zur Union.

Es gab Zeiten, da lag Gerhard Schröder in der Beliebtheit weit vor seiner Partei. Wie steht es jetzt damit„
Bei der Kanzlerpräferenz liegt Schröder immer noch deutlich vor der SPD. Im Mai waren es durchschnittlich 39 Prozent. Der Vorsprung lag also im zweistelligen Prozentbereich.

Demnach wäre nur der Kanzler in der Lage, die SPD aus dem Jammertal heraus zu führen“
Eine SPD ohne Schröder hätte bundesweit keinerlei Chance. Sie müsste sich auf eine fast unabsehbare Oppositionszeit einstellen. Schröder hat reichlich spät begriffen, dass er seinen Kurs umsetzen muss. Und wenn die Partei ihm nicht folgt, hat er keine Legitimation mehr dafür. Um aus dem Jammertal herauszukommen, muss sich die SPD geschlossen hinter Schröder und die Reformpläne stellen.

Ist die Talsohle in den Umfragen für die Genossen erreicht?
Genau weiß das niemand. Wenn die SPD mit ihrem Parteitag am kommenden Sonntag einen Schlussstrich unter den Streit zieht, dann kann das ein Wendepunkt sein. Vergleichbar mit der Regierungserklärung Mitte März, als die Werte für die SPD wieder langsam nach oben gingen. Als dann die innerparteiliche Diskussion kurz vor Ostern ausbrach, ging es allerdings schnell wieder abwärts.

Mit MANFRED GÜLLNER sprach Stefan Vetter