Herr Rische, viele Bürger bangen wegen der Euro-Krise auch um ihre Alterssicherung. Können Sie ihre Ängste zerstreuen?

Ganz klar, die gesetzliche Rentenkasse ist nicht in Gefahr. Gerade in Krisenzeiten erweist sich das Umlageverfahren, also die fortlaufende Beitragsfinanzierung der Rente, als sicher und zukunftsfähig. Allerdings weiß noch keiner, ob und wie sich die Euro- Krise auf die Realwirtschaft auswirken wird. Sollte die Arbeitslosigkeit wachsen und das Lohnniveau sinken, dann hätte das sicher auch Folgen für die Renten.

Was haben die Rentner im kommenden Jahr zu erwarten?

Nach unseren Schätzungen können die Ruheständler zum 1. Juli 2012 mit einer Rentensteigerung von 2,3 Prozent in den alten und 3,2 Prozent in den neuen Ländern rechnen. Das ist die höchste Steigerung seit 2009.

Wie verlässlich ist die Prognose?

Die aktuelle Vorhersage basiert auf den heute bekannten Zahlen zur Lohn- und Beschäftigungsentwicklung. Diese Daten sind besser ausgefallen als noch zur Jahresmitte angenommen. Anders als erwartet war das erste Halbjahr 2011 nochmals durch hohe Zuwachsraten der Beiträge gekennzeichnet. Die endgültige Anpassung wird erst im nächsten Frühjahr von der Bundesregierung festgelegt. Größere Abweichungen sind nach jetzigem Stand nicht zu erwarten.

Woher rührt die deutlich höhere Rentensteigerung im Osten?

Hier erinnere ich daran, dass man die Renten in der Vergangenheit wegen der schlechten Konjunktur sogar hätte kürzen müssen. Durch eine gesetzliche Rentengarantie wird das verhindert. Die ausgebliebenen Kürzungen müssen laut Gesetz aber mit späteren Rentenanpassungen verrechnet werden. Und da ist es so, dass der Osten weniger Nachholbedarf hat als der Westen. Deshalb der Unterschied.

Was heißt das nun für den Rentenversicherungsbeitrag?

Das Gesetz sieht vor, dass der Beitrag bei einer Rücklage von mindestens 1,5 Monatsausgaben in der Rentenkasse zwingend gesenkt werden muss. Durch die sehr gute Situation bei den Einnahmen wird das erstmals seit zehn Jahren wieder der Fall sein. 2012 sinkt der Beitrag von 19,9 auf 19,6 Prozent.

Nun wird in Deutschland viel über Altersarmut diskutiert. Ist eine Beitragssenkung da nicht paradox?

Natürlich wäre es vorstellbar, dass man die Rentenbeiträge weiter ansammelt. Ich halte davon wenig. Denn in der Regel war es immer so, dass bei größeren Rücklagen politische Begehrlichkeiten geweckt wurden. Dies führte zu neuen Leistungen, die auf Dauer schwer zu finanzieren sind. Insofern bin ich für knappe Finanzspielräume. Das sorgt für Ausgabendisziplin.

Trotzdem bleibt Altersarmut ein wichtiges Thema. Arbeitsministerin von der Leyen will Niedriglöhnern künftig eine Zuschussrente von 850 Euro im Monat garantieren. Eine gute Idee?

Das kommt darauf an, was man will: Wenn das Ziel darin besteht, Altersarmut zu bekämpfen, dann ist das sicher nicht der Königsweg. Für die wirklich von Altersarmut Betroffenen scheidet die Zuschussrente in vielen Fällen aus, weil die Hürden, also viele Versicherungsjahre und eine private Vorsorge, sehr hoch sind. Wenn die Zuschussrente jedoch darauf abzielt, Geringverdiener zur privaten Vorsorge zu animieren, dann erfüllt sie diesen Anspruch zweifellos.

Kann die Rentenversicherung überhaupt noch einen wirksamen Schutz vor Altersarmut bieten, oder ist sie damit überfordert?

Die Rentenversicherung ist natürlich nicht der Nabel der Welt. Dass Altersarmut zum Beispiel im Niedriglohnbereich entsteht, hat sie nicht zu verantworten. Das ist Sache der Lohnfindung durch die Tarifpartner. Denn nur bei ausreichenden Löhnen ist eine auskömmliche Alterssicherung inklusive privater Vorsorge möglich.

Mit Herbert Rische

sprach Stefan Vetter