Herr Fratzscher, wie war Ihre erste Reaktion nach dem Wahlsieg Trumps?
Ungläubigkeit, Überraschung, Schock.

Die Börsen sind im Sinkflug, die Märkte extrem verunsichert. Droht uns ein weltwirtschaftlicher Einbruch?
Nein. Wir sollten nicht in Panik verfallen. Es ist ein US-Präsident gewählt worden. In den USA gibt es eine starke Demokratie. Der US-Präsident ist nur so mächtig, wie es der Kongress und die politische Administration zulassen.

Aber auch das Parlament ist von Trumps Partei, den Republikanern, dominiert.
Auch in der Vergangenheit hatten US-Präsidenten eine Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat. Trotzdem konnten sie längst nicht alles umsetzen, was sie wollten. Viele Republikaner wollten Trump ja noch bis zum Schluss verhindern. Und sie wollen auch wiedergewählt werden. Die Verunsicherung an den Märkten wird noch eine Weile andauern. Aber die negativen Auswirkungen werden moderat bleiben.

Sehen Sie Parallelen zum Brexit in Großbritannien?
Ja, zweifellos. Auch als der Brexit wahr wurde, gab es wilde Spekulationen über einen wirtschaftlichen Niedergang. Wobei man allerdings sagen muss: Der Brexit ist wesentlich schädlicher für die britische Wirtschaft als ein US-Präsident Trump für die amerikanische.

Trump ist ein Gegner des Freihandels. Er will Strafzölle verhängen, um US-Produkte daheim wieder attraktiver zu machen. Warum sollte er das nicht umsetzen?
Die Republikaner stehen dem Freihandel generell positiver gegenüber als die Demokraten. Und ohne den Kongress läuft, wie gesagt, nichts. Schon deshalb wird Trump die meisten seiner Wahlversprechen nicht halten können. Übrigens: Auch Hillary Clinton hat sich gegen TTIP ausgesprochen.

Die USA sind für Deutschland der wichtigste Handelspartner. 2015 lag der Wert der deutschen Exporte bei knapp 114 Milliarden Euro und damit auf einem neuen Rekordniveau. Kommt das jetzt ins Rutschen?
Auch hier rechne ich nicht mit größeren Einschnitten. Selbst Trump wird bewusst sein, dass Europa und besonders Deutschland ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die USA sind. Amerikanische Unternehmen sind auf deutsche Maschinen und andere deutsche Produkte angewiesen. Da gibt es kaum Alternativen. So lange die US-Wirtschaft nicht in eine Rezession verfällt, womit ich nicht rechne, werden sich die deutschen Exporte weiter robust entwickeln.

Analysten haben bereits errechnet, wie viel Geld eine Wirtschaftspolitik á la Trump jeden Bundesbürger kosten könnte: knapp 35 000 Euro . . .
Das ist ein wildes Horrorszenario, das jeder Grundlage entbehrt. Wirtschaftlich sitzen alle entwickelten Staaten in einem Boot. Die Globalisierung lässt sich nicht kurzerhand zurückdrehen. Das wird auch Trump trotz seiner gegenteiligen Wahlkampfrhetorik merken. Er ist ja selbst Unternehmer. Mit Protektionismus ist auch der US-Wirtschaft nicht geholfen.

Mit Marcel Fratzscher

sprach Stefan Vetter