Herr Rürup, woher rührt die wachsende Einkommensschere im Land?
Zunächst einmal haben wir es mit einer zunehmenden Nachfrage nach qualifizierter Arbeit zu tun. Das führt zu tendenziell steigenden Löhnen für qualifizierte Arbeitnehmer. Auf der anderen Seite registrieren wir ein vermehrtes Angebot an gering qualifizierter Arbeit, was auch auf die Zuwanderung zurückzuführen ist.

Gibt es noch andere Gründe?
Ein weiterer Aspekt ist die Tarifpolitik der Gewerkschaften. In den letzen Jahren hat man sich von der früheren Praxis verabschiedet, die unteren Lohngruppen stärker anzuheben. Im Kern, und das wird oft übersehen, hat die Lohnspreizung jedoch auch mit der Globalisierung zu tun, mit der zunehmenden Integration der Bevölkerungsriesen China und Indien in die internationale Arbeitsteilung. Die damit verbundene zunehmende Konkurrenz führt zu einem Druck auf die Löhne der Geringqualifizierten.

Und dagegen ist kein Kraut gewachsen?
Fest steht, dass der Wettbewerb auf den Gütermärkten eher stärker als schwächer wird. Und wenn jemand sagt, wir können und wollen nicht mit chinesischen Löhnen konkurrieren, dann ist das bei offenen Märkten ökonomischer Unsinn. Denn beim Kauf einer Ware schauen viele zuerst auf den Preis. Und wenn viele einen CD-Player für 19,99 Euro kaufen, konkurrieren wir sehr wohl mit den niedrigen Löhnen aus Fernost.

Selbst eine ordentliche Berufsausbildung schützt heute aber nicht mehr vor schlechter Bezahlung.
Hier muss man unterscheiden zwischen der formalen Ausbildung und jener, die tatsächlich auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist. Wer vor 15 Jahren zum Beispiel sein Diplom als Ingenieur gemacht hat, ist formal gesehen hoch qualifiziert. Ob sich damit heute eine gut bezahlte Arbeit finden lässt, ist eine andere Frage.

Zu den Lohnverlierern gehören auch viele Vollzeitbeschäftigte. Warum tut sich Deutschland so schwer mit einem gesetzlichen Mindestlohn?
Mit einem allgemeinen Mindestlohn könnte man die Lohnspreizung zweifellos verringern. Aber wenn dieser Mindestlohn zu hoch festgesetzt wird und daher zu Beschäftigungsverlusten führt, würde die Einkommensverteilung ungleicher werden. Denn wenn jemand beschäftigt ist, ist er ökonomisch immer besser gestellt, als wenn er arbeitslos ist.

Lässt sich überhaupt etwas gegen Lohnspreizung tun?
Langfristig ist eine solide Qualifizierungs- und Bildungspolitik die beste Strategie, um einem starken Lohngefälle zu begegnen. Das zeigen beispielsweise die skandinavischen Staaten. Ihr Bildungssystem ist vorbildlich, und trotz Globalisierung gibt es dort keine so starke Zunahme der Lohnspreizung wie bei uns.

Aber auch in Skandinavien sind Mindestlöhne längst die Regel.
Mit dem Arbeitslosengeld II haben wir in Deutschland eine Mindesteinkommenssicherung. Nach meiner Ansicht sollte man allerdings auch über einen moderaten allgemeinen Mindestlohn nachdenken. Nur muss dieser behutsam festgesetzt werden, dass er nicht zu einem Verlust von Arbeitsplätzen führt. Dass dies möglich ist, zeigen ausländische Beispiele.

Auf den Löhnen lasten nicht nur Steuern, sondern auch Sozialabgaben. Könnte ihre Senkung das Lohngefälle mildern?
Letztlich kommt es auf die Nettolöhne an. Eine Senkung der Sozialabgaben gegebenenfalls auch über Steuerzuschüsse wäre mit einer doppelten Dividende verbunden, um ein Ausein anderdriften der Verteilung zu bremsen: Untere und mittlere Einkommen profitieren davon am stärksten. Gleichzeitig sinken die Arbeitskosten, sodass sich für viele Menschen die Chancen verbessern, wieder in Beschäftigung zu kommen.

Mit BERT RÜRUP
sprach Stefan Vetter