Wie lautet die Wachstumsprognose?
Für das laufende Jahr erwarten die Wirtschaftsweisen einen Zuwachs des Bruttosozialprodukts um 1,7 Prozent. Für 2016 wird das Plus auf 1,6 Prozent beziffert. Damit sind die Ökonomen etwas verhaltener als die Bundesregierung, die in ihrer kürzlich veröffentlichten Herbstprojektion von 1,7 beziehungsweise 1,8 Prozent ausgeht.

Wie beurteilen die Experten die Flüchtlingskrise?
Grundsätzlich sehen sie darin eine Chance für weitere wirtschaftliche Potenziale. Im günstigsten Fall ergebe sich bis zum Jahr 2020 aufgrund der Arbeitsaufnahme anerkannter Flüchtlinge ein positiver Effekt auf die Erwerbstätigkeit von bis zu 500 000 Personen, heißt es im Jahresgutachten. Im ungünstigsten Fall seien es nur halb so viele. Die Kehrseite der Medaille sind laut Expertise aber auch bis zu 350 000 zusätzliche Arbeitslose in den nächsten fünf Jahren. Schon 2016, so die Erwartung, dürfte deshalb wieder die Marke von drei Millionen Arbeitslosen im Jahresschnitt übertroffen werden. Zuletzt geschah das vor fünf Jahren.

Welche Kosten werden veranschlagt?
Die Ausgaben der öffentlichen Haushalte für die Sozial- und Integrationsleistungen werden laut Gutachten in diesem Jahr zwischen 5,9 und 8,3 Milliarden Euro liegen. Für 2016 wird mit Belastungen zwischen neun und 14,3 Milliarden Euro gerechnet. Dies entspricht bis zu 0,3 beziehungsweise bis zu 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dank der guten Steuereinnahmen ist die schwarze Null im Bundeshaushalt - also ein Etat ohne neue Schulden - nach Einschätzung der Wirtschaftsweisen "derzeit" nicht gefährdet. "Die Puffer in den öffentlichen Haushalten, die sich seit Jahren angesammelt haben, sind enorm", so der Wirtschaftsweise Lars Feld.

Wie verlässlich sind die Prognosen?
Die Ökonomen räumen freimütig ein, dass ihre Zahlen mit großen Unwägbarkeiten behaftet sind. So würden zum Beispiel längere Asylverfahren und eine schlechte Arbeitsmarktintegration die Kosten "merklich erhöhen". Auch basieren ihre Annahmen auf einem deutlich rückläufigen Flüchtlingszustrom. Im "Basisszenario" wurden für 2015 rund eine Million Neuankömmlinge unterstellt. 2016 sinkt diese Zahl demnach auf 750 000. Im Jahr 2020 sind es nach dem Szenario nur noch 200 000. Ob es wirklich so kommt, weiß niemand.

Was empfehlen die Ökonomen der Politik?
Die Mehrheit der Wirtschaftsweisen sieht im geltenden Mindestlohn von 8,50 Euro ein Hemmnis für die Flüchtlingsintegration in den Arbeitsmarkt. Keinesfalls sollte er erhöht werden, lautet die Empfehlung. Zugleich wird vorgeschlagen, Flüchtlinge wie Langzeitarbeitslose zu behandeln. Für diese Gruppe gilt schon jetzt: Bei Neueinstellungen darf ihre Vergütung für maximal sechs Monate unterhalb des Mindestlohns liegen. Diese Frist wollen die Ökonomen auf zwölf Monate verdoppeln. Einzig der den Gewerkschaften nahestehende Wirtschaftsweise Peter Bofinger lehnt diese Ideen ab. Wegen der absehbar höheren Nachfrage nach Wohnraum durch Flüchtlinge regen die Experten überdies eine Abschaffung der erst im Juni eingeführten Mietpreisbremse an.

Zum Thema:
Streng genommen handelt es sich um den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Das Gremium wurde 1963 per Gesetz ins Leben gerufen, mit dem Ziel, durch regelmäßige Gutachten die Urteilsbildung bei allen wirtschaftspolitischen Instanzen zu erleichtern. Die fünf Mitglieder werden auf Vorschlag der Bundesregierung vom Bundespräsidenten für eine Dauer von fünf Jahren berufen. Wiederberufungen sind möglich.