Autodiebe sind keine Amateure. Diese Erfahrungen machen nicht nur Lausitzer, denen ein Fahrzeug gestohlen wurde. Auch die Polizei hat in den vergangenen Jahren - zum Teil schmerzhaft - lernen müssen, wie professionell die Täter agieren und mit welcher Kaltschnäuzigkeit sie vorgehen.

Drastisches Beispiel sind die Großkontrollen, mit denen Landes-, Bundespolizei und Zoll beispielsweise an der A 15 bei Bademeusel (Spree-Neiße) den Tätern auflauern. Immer wieder kam es dabei zu waghalsigen Manövern der Autoschieber, die in ihren teuren Wagen versuchten, Polizisten zu verletzen oder abzuschütteln, um ihnen so zu entkommen. Die Polizei hat darauf reagiert.

Mittlerweile gleicht der Autobahnparkplatz Bademeusel einer Festung, wenn die Kontrolleure sich dort auf die Lauer legen. Alte Fahrzeuge dienen als Sperren auf der Autobahn und rund um den Platz, mehrere Polizeiautos stehen zur Verfolgung mit laufendem Motor bereit, Stoppsticks liegen auf der Strecke. Erst in dieser Woche konnte so an der A 15 wieder ein Autoschieber auf frischer Tat gestellt werden.

Gleichzeitig arbeitet die in Brandenburg eingerichtete Sonderkommission (Soko) Grenze verdeckt und im Hintergrund, um den Täterstrukturen auf die Spur zu kommen - teils mit Erfolg. "Die offensive polizeiliche Präsenz, regelmäßige Großkontrollen und ein hoher Fahndungsdruck setzen die kriminelle Szene offenbar wirksam unter Druck. Für Autodiebe wird es in Brandenburg zunehmend schwieriger", sagte Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) am Freitag bei der Vorstellung der Brandenburger Kriminalitätsstatistik. Die Polizei stelle eine "zunehmende Verunsicherung auf Täterseite" fest, so der Minister.

Durch die Ermittlungserfolge hat die Polizei mittlerweile auch einen guten Einblick in die Strukturen der Täter. "Die Autodiebe agieren gut organisiert, gehen arbeitsteilig vor und verfügen über die notwendige Infrastruktur, um die entwendeten Fahrzeuge zu verwerten", erläutert Gerd Otter, Leiter Führungsgruppe bei der Brandenburger Soko Grenze.

Die Strukturen der Tätergruppen sind dabei sehr eng. "Wir beobachten sehr häufig territoriale Strukturen - Täter kommen alle aus ein und demselben Ort, kennen sich. Auch liegen Erkenntnisse vor, dass sich Banden familiär strukturieren, jedoch nicht ausschließlich", so Otter. Der Anteil deutscher und nichtdeutscher Tatverdächtiger liege bei den durch die Soko geführten Ermittlungen etwa bei 40 zu 60. "Die Mitglieder einer Bande hatten bisher immer dieselbe Nationalität", so Otter.

Von einer "Automafia" will er nicht sprechen. Dafür seien die Gruppen nicht groß genug. "Wir haben es eher mit der klassischen Bande zu tun, die sich auf wenige eng verbundene Bandenmitglieder beschränkt und eher selten Gewalt innerhalb der Bande anwendet."

Wie die Strukturen der Banden aussehen können, belegt das Beispiel einer Gruppe, die aus der Nähe von Gubin Autodiebstähle von Guben bis nach Sachsen und Österreich ausführte. Acht polnische Tatverdächtige wurden in den vergangenen Monaten von Brandenburger und polnischen Polizisten verhaftet. Jeder in der Gruppe hatte andere Aufgaben, manche Diebe, andere als Kundschafter oder Kurier, der das geklaute Fahrzeug über die Grenze bringt. Neben dem engen Kern gibt es angeheurte Kräfte, die die anderen meist nicht kennen.

Der Auftraggeber: Diese Person bleibt meist im Hintergrund. Er gibt eine Auftragsliste an die Akteure vor Ort, die diese dann abarbeiten. Wie das geht, belegt ein Fall, den der Bundesgerichtshof Ende vergangenen Jahres behandelt hat. Der Angeklagte, Fahrdienstleiter bei einer lettischen Spedition, diente dabei als Kontakter für seinen Boss. Der bestellte über den Angeklagten bei deutschen Dieben gezielt Autos, die dann nach Lettland verschoben werden sollten. Aufgabe des Angeklagten war es, Termine für die Telefonate zu vermitteln und eine abhörsichere Leitung zu organisieren. Das Gericht wertete das als Beihilfe zu schwerem Bandendiebstahl.

Der Späher: Mit der Auftragsliste in der Hand macht sich der Späher auf die Suche. Sein Job ist es, entsprechende Fahrzeuge zu finden und die Information an den Dieb weiterzugeben.

Der Dieb: "Die Autodiebe sind gut ausgebildet. Sie können innerhalb kürzester Zeit ein Fahrzeug öffnen, die Fahrzeugelektronik manipulieren und das Fahrzeug starten", erläutert Polizeisprecher Otter. Daher sind die Diebe für die Bande sehr wertvoll. Sie sollen der Polizei möglichst nicht in die Hände fallen. Deshalb geben sie das gestohlenen Auto rasch an einen anderen in der Kette weiter.

Der Kurier: Seine Aufgabe ist es, das gestohlene Fahrzeug über die deutsche Grenze zu bringen. Er steht in der Hierarchie der Banden ganz unten, ist meist nur angeworben oder in losem Kontakt zum Kern der Bande. "Die Fahrer erhalten für das Verbringen der Fahrzeug bis zu 200 Euro", berichtet Otter. "Es kommt auch vor, dass sich Fahrer/Kuriere hocharbeiten und zum Kern einer Bande aufsteigen, wie in einem Unternehmen", so der Sprecher der Soko Grenze weiter. Dass die Kuriere ganz unten in der Schicht der Banden stehen, heißt aber nicht, dass sie harmlos sind. Verfolgungsjagden der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die Täter mit ihren Autos umgehen können und auch nicht davor zurückschrecken, andere zu verletzen.

Der Pilot: Damit es gar nicht erst zu einer Verfolgungsjagd kommt, werden teils Piloten eingesetzt. Sie fahren in einem nicht gestohlenen Fahrzeug den Kurieren voraus, um diese vor Kontrollen der Polizei zu warnen. Die Soko Grenze hat darauf mit Zivilstreifen reagiert, die während einer Großkontrolle wie an der A 15 die anderen Grenzübergänge der Region im Auge behalten.

Zum Thema:
Wie arbeiten die Autoschieberbanden? In der kommenden Woche zeigt die RUNDSCHAU, wo die geklauten Autos landen und wie die Täter diese zu Geld machen.