Im dunklen Mantel, weißen Hemd, Schlips stand der Ministerpräsident in dem kargen Raum hinter dem Tisch und schob den gefüllten Beutel einem der Wartenden zu - einem älteren Mann, schlicht gekleidet, unrasiert.
„Frohes Fest - der Nächste bitte“ , sagte Milbradt, um ein Lächeln bemüht. Mehr Zeit für ein Gespräch blieb nicht. Vor der Tür standen noch etwa weitere 50 Leute, ein Leierkastenmann spielte das Lied von der weißen Weihnacht.
Die Ausgabestelle der „Dresdner Tafel“ , eines Vereins, der Lebensmittel an Bedürftige verteilt, ist gerade erst neu eröffnet worden. Dass an diesem Tag der Ministerpräsident kommen würde, um Lebensmittel zu verteilen, war offiziell gar nicht bekannt. Dennoch hatten sich schon am frühen Vormittag die ersten Wartenden eingefunden. Schließlich wurden Nummern verteilt und die Leute wieder nach Hause geschickt.
„Es wird immer schlimmer“ , sagte Edith Franke, die Vorsitzende des Vereins „Dresdner Tafel“ . Als sie vor acht Jahren mit der Arbeit anfing, sei den Leuten die Armut noch nicht anzusehen gewesen. Doch der Gesichtsausdruck der Menschen habe sich im Laufe der Jahre sehr verändert, ist resignierender geworden. „Die Armut hat ein Gesicht bekommen“ , stellte Franke fest.

Bedürftigkeit stark angestiegen
Gerade im zu Ende gehenden Jahr beobachtete sie einen starken Anstieg der Bedürftigkeit. Angefangen hatte es 1995 mit 50 Bedürftigen. Jetzt werden wöchentlich rund 6500 Personen versorgt. Das „Unternehmen“ ist auf 85 ehrenamtliche Helfer angewachsen, sechs Fahrzeuge sind täglich unterwegs. Die Weihnachtsfeiern hatten in diesem Jahr einen Zuspruch wie nie. Doch selbst für die Helfer der „Dresdner Tafel“ ist der Anblick der versammelten Armut an solchen Abenden eine psychische Belastung. „Da muss man hinterher manchmal erst richtig durchatmen“ , erzählte eine der Mitarbeiterinnen leise.

Eigentlich im Zentrum der Politik
Allein an diesem Nachmittag, an dem der Ministerpräsident Hand anlegte, kamen etwa drei Tonnen Lebensmittel zur Verteilung.
Kurz vor Weihnachten liege es nahe, sich um diese Dinge zu kümmern, die sich sonst eher am Rande abspielen, sagte Milbradt, stockte kurz, die aber eigentlich im Zentrum der Politik stünden, fuhr er dann fort.
Ursache für diese Armut sei fehlende Beschäftigung, am Abbau der Arbeitslosigkeit müsse weiter gearbeitet werden. Da fügt es sich gut, dass der Ministerpräsident gerade an diesem Tag die frohe Kunde vom Erhalt des Bahnwerkes Delitzsch überbringen konnte, eines „besonderen Weihnachtsgeschenkes“ für die Bahnwerker.