Nach der Wiedervereinigung haben viele nicht an das Fortbestehen der Landwirtschaftlichen Produktions-Genossenschaften (LPG) aus DDR-Zeiten geglaubt. Zu riesig, zu unwirtschaftlich, war die Meinung. Doch etliche frühere LPG haben den Wandel gemeistert und sind heute erfolgreiche Agrargenossenschaften. Dem Thema 25 Jahre Agrargenossenschaften widmet sich am 2. November eine Tagung in Halle. Die Deutsche Presse-Agentur sprach mit dem Agrarexperten Prof. Alfons Balmann, Direktor am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien.

Fazit nach 25 Jahren. Ist die Agrargenossenschaft ein Erfolgsmodell?
Ja, sie ist ein Erfolgsmodell, vor allem gemessen an dem,was 1990/91 erwartet wurde.

Die Befürchtung war damals, dass Mitarbeiter nicht gut motiviert werden könnten und dass die Genossenschaften auf Grund ihrer Struktur nicht in der Lage sein würden, wirtschaftlich notwendige Entscheidungen zu treffen.

Tatsächlich sind sie heute breit aufgestellt und können aufgrund ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit oft sogar unrentablere Zweige abfedern und sichere Arbeitsplätze bieten.

Allerdings sind auch Aktiengesellschaften, GmbH und viele Neu- und Wiedereinrichter in den neuen Bundesländern sehr erfolgreich.

Was muss sich bei den Agrargenossenschaften ändern, um zukunftsfähig zu bleiben?
Sie sind im Durchschnitt wirtschaftlich sehr erfolgreich, insofern müssen die meisten wenig ändern. Eine Herausforderung ist der derzeitige Generationswechsel im Management, bei den Mitarbeitern und den Mitgliedern.

Die große Frage ist, wie geht man damit um, dass die Landwirtschaft in Deutschland so stark in der öffentlichen Kritik ist. Kritikpunkte sind Tierhaltung, Gülle, Emissionen durch die Landwirtschaft, Biodiversität und Pflanzenschutzmittel. Hier müssen sich die Agrargenossenschaften allein aufgrund ihrer Größe und ihres sozialen Anspruchs aktiv an der Suche nach Lösungen beteiligen.

Einzelbauern beklagen häufig den Konkurrenzdruck durch Großunternehmen. Wie sehen Sie das?
Auch viele Familienbetriebe sind recht groß und arbeiten sehr rentabel. Die Konkurrenz findet vor allem auf dem Bodenmarkt statt, wo sich die Bieter in den letzten Jahren oft gegenseitig überboten und die Preise in die Höhe trieben.

Die Agargenossenschaften beteiligen sich hieran und bewirtschaften heute noch immer etwa 23 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in den neuen Bundesländern.

Der ländliche Raum bekommt den demografischen Wandel besonders zu spüren. Welchen Beitrag können die Genossenschaften leisten, um die Jungen zum Bleiben zu bewegen?
Die Agrargenossenschaften wissen, dass sie in den Dörfern eine erhebliche Rolle spielen. Es ist in ihrem eigenen Interesse, dass sie sich in den Dörfern engagieren, denn sie brauchen die Mitarbeiter. Die Konkurrenz um qualifiziertes und motiviertes Personal ist mittlerweile groß. Ein attraktives Umfeld mit Kindergärten, Schulen und Läden zu schaffen, wird daher immer wichtiger.

Zum Thema:
Prof. Dr. Alfons Balmann studierte Agrarökonomie an der Universität Göttingen. Seit 2002 ist er am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien Iamo tätig. Er ist Institutsdirektor und leitet die Abteilung Strukturwandel. Außerdem ist er Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.