Herr Billen, die Lebensmittelpreise steigen weiter, nun auch beim Fleisch um 30 Prozent. Ist das gerechtfertigt„
Nein - nach Milch und Butter nun auch Fleisch: Die Lebensmittelbranche läuft Gefahr, in das gleiche kommunikative Desaster zu geraten wie die Energieversorger. Die Verbraucher können nicht erkennen, ob hier eine gerechtfertigte Preiserhöhung vorliegt. Wir glauben, dass im Windschatten der Diskussion viele Unternehmen versuchen, den einen oder anderen Euro aufzuschlagen. Die Lebensmittelbranche ist deshalb jetzt gefordert, genau darzulegen, warum solche Preissteigerungen notwendig sind. Dem Verbraucher kann ich nur raten, jetzt mehr denn je an der Ladentheke zu vergleichen.

Bislang wurde politisch vor allem über die Qualität von Lebensmitteln gesprochen. Ist die Frage des Preises inzwischen nicht wieder viel wichtiger geworden“
Das Thema Preis spielt eine größere Rolle, nicht nur bei Lebensmitteln, sondern auch bei Energie- oder Verkehrsdienstleistungen. Lebensmittel sind in Deutschland lange Zeit sehr preiswert gewesen - das ändert sich jetzt. Entscheidend ist, dass wir die aktuelle Diskussion nutzen, um die Qualität stärker in den Vordergrund zu rücken. Denn Verbraucher wollen mehr wissen: die Herkunft von Produkten, die Transportwege oder die Bedingungen in der Tierhaltung. Wenn der Verbraucher diese Informationen hätte, würde er mehr nach Qualität fragen. Da weigert sich die Branche aber nach wie vor.

Viele Konsumenten würden mehr bezahlen, wenn sie wüssten, dass das Geld bei den Bauern ankommt.
Das ist richtig. Bei den Milchpreisen haben wir dies gesehen: Was dort aufgeschlagen wurde, ist nur zu einem Teil bei den Erzeugern angekommen. Der Verbraucher fühlt sich deshalb getäuscht. Lebensmittel müssen nicht billig, sondern ihren Preis wert sein. Gerechte und faire Preise, von denen alle profitieren, müssen das Ziel sein.

Nun ist die Knappheit auf dem Agrarmarkt neu, bislang kennen wir nur Milchseen und Butterberge. Was läuft da schief?
Man muss die Subventionierungen und Quotierungen europäischer Agrarpolitik auf den Prüfstand stellen. Wenn international eine viel größere Nachfrage besteht, hat es keinen Sinn, weiter auf eine Milchquote zu setzen. Bei den derzeit so massiv steigenden Getreidepreisen kommt noch etwas hinzu: Es gibt eine zunehmende Konkurrenz von Brot und Energie, von Lebensmitteln und nachwachsenden Rohstoffen. Schon jetzt ist ein Sechstel der Felder mit nachwachsenden Rohstoffen für die Energienutzung besetzt. Tendenz steigend. Wir müssen neu überlegen, ob das so bleiben kann. Was bringt uns am Ende finanziell und ökologisch vorteilhafter Sprit, wenn als Kehrseite der Medaille die Preise für Lebensmittel steigen und deren Qualität sinkt.

Mit GERD BILLEN
sprach Hagen Strauß