Die "Bild"-Zeitung wettert gegen gierige Griechen, Athener Zeitungen zeigen Merkel und Schäuble im Nazi-Outfit. Wir beiden Länder haben ein Problem miteinander, oder?
Definitiv. Wir haben seit 2010 den Fehler gemacht, in alte Nationalismen zurückzufallen, ohne die wahren Ursachen der Euro Krise zu erkennen. Es gab zwar zwischenzeitlich eine leichte Verbesserung, aber wir erleben jetzt wieder eine Verschärfung der Auseinandersetzung, die auf jeden Fall Narben hinterlassen wird.

Mit den wahren Ursachen meinen Sie, dass für die Deutschen die griechische Verschwendungssucht Auslöser war, während für die Griechen alleine die deutsche Sparpolitik für ihr Leid verantwortlich ist?
Diese einseitigen Schuldzuweisungen sind natürlich verfehlt und geben die Realität nicht wieder. In Deutschland herrscht beispielsweise die Meinung vor, die Troika habe alles richtig gemacht und sei eine faire und neutrale Prüfinstanz. Dem ist aber nicht so. Und deswegen war die Benennung von Gianis Varoufakis als Finanzminister eine Chance, die Fehler der vergangenen Jahre auf beiden Seiten abzustellen.

Es gab nach der Wahl durchaus Sympathien für Kurskorrekturen, die Troika-Politik gilt schließlich nicht nur in Athen vielen als undemokratisch und wirtschaftspolitisch einseitig. Ist diese Chance mit dem Halbstarkentum nicht verspielt worden?
Nein, die Ereignisse der vergangenen Wochen sind nur der Auftakt für eine vertiefte Diskussion über die Zukunft des Euro gewesen, die uns bald bevorsteht.

Wie erklären Sie sich aber das Auftreten der Syriza-Regierung? Sie hat viel getan, um viele Europäer, nicht nur die Deutschen, gegen sich aufzubringen. Nehmen Sie nur die Drohung, Flüchtlinge unkontrolliert weiter zu schicken.
Die Wortwahl ist sicher unglücklich gewesen. Aber auch in Deutschland sind erpresserische Töne fast die Regel. Gleichwohl verbieten sich diese innerhalb der Europäischen Union unter "Freunden". Uns gegenseitig in den Schwitzkasten zu nehmen führt nicht weiter.

Woher kommt diese Härte?
Aus Berliner Sicht hat es eindeutig mit dem Unverständnis für die griechische Sondersituation zu tun. Die Idee, die deutsche Sparpolitik der Jahre 1999-2001 eins zu eins auf Griechenland zu übertragen, ist wirtschaftspolitisch schlicht nicht möglich, weil Deutschland ein Exportland ist und locker sparen kann. Griechenland ist kein Exportland - diese Übertragung des deutschen Modells funktioniert dort nicht.

Und warum der rüde Ton aus Athen?
Die Griechen haben sehr viele Demütigungen erlitten. Das Land hat sich seit seiner Unabhängigkeit 1830 immer als Spielball der Großen gesehen hat. Diese Idee hat sich nun innerhalb der Eurozone fortgesetzt, aber das Maß an Demütigungen hat irgendwann ein Ausmaß überschritten, das dann nicht mehr erträglich war und sich ein Ventil suchte. Das ist der Grund für die vielen populistischen Gegenreaktionen.

Wenn die Hilfe als Demütigung empfunden wird, sollte sie dann enden?
Man muss jetzt im Hinblick auf den viel wichtigeren Termin, nämlich Ende Juni, Konsequenzen ziehen und ausdrücklich kein drittes Hilfspaket planen.

Wie aber käme Griechenland ohne weiteres Hilfsprogramm über den Sommer? Es stehen Rückzahlungen an die Europäische Zentralbank an.
Die Summe der nicht bezahlten Steuern in Griechenland beträgt für die vergangenen fünf Jahre 76 Milliarden Euro. Keine Regierung zuvor hat so ernsthaft versucht, an dieses vor allem im Ausland geparkte Geld zu kommen. Das ist eine Gelegenheit, die gerade Berlin nicht verstreichen lassen sollte. Jetzt ist Amtshilfe gefragt. Schon ein größerer Teil dieser Summe, der nun über ein Amnestiegesetz eingetrieben werden soll, würde die Staatsfinanzen Griechenlands auf stärkere Beine stellen.

Das hört sich nicht unvernünftig an. Aber hätte man das nicht auch mit einer geräuschlosen Verlängerung des Hilfsprogramm bekommen können, um in Ruhe über die Zeit danach zu reden? Jetzt ist viel Vertrauen verspielt worden.
Es gibt ja zwei Vertrauensfronten, die gegenüber den Gläubigern und die gegenüber den Wählern. Premier Alexis Tsipras s hat sich aus meiner Sicht für eine Balance entschieden. Er hat, wenn auch spät, gegenüber der Eurogruppe eingelenkt, aber durch sein selbstbewusstes Auftreten die Heimatfront mit bis zu 80 Prozent Unterstützung bei den Wählern nicht verloren. Und die braucht er, wenn er die Mentalität der griechischen Steuerzahler in Richtung Steuermoral verändern will. Tsipras weiß genau, warum er diesen Weg gegangen ist. Das ist keine Unerfahrenheit, sondern Strategie. Er ist auf gutem Weg.