Frau Meyer, dies ist der sechste Jahrestag der Ermordung Ihres Mannes. Wie überstehen Sie diesen Tag?
Wie jeden der quälenden anderen zuvor. Nur nicht in Lauchhammer. Das halte ich nicht aus. Ich werde wegfahren.

Das Tötungsverbrechen ist nicht aufgeklärt. Wie leben Sie damit?
Ein Leben ist das nicht wirklich. Meist funktioniere ich nur. Auch für unseren Sohn, der mich braucht. Ich warte seit nunmehr sechs Jahren jeden Tag auf die Nachricht, dass die Mörder meines Mannes gefasst worden sind und Anklage erhoben wird. Bisher vergeblich. Seit 2012 liegt die Ermittlungsakte bei der Staatsanwaltschaft. Das ist unerträglich und nur auszuhalten, weil ich die Hoffnung einfach nicht verlieren darf. Denn das hat mein Mann nicht verdient.

Glauben Sie noch an Gerechtigkeit?
Ich muss. Aber es fällt mir mit jedem Tag und jeder schlaflosen Nacht schwerer. Denn gerade mein Mann hatte es zu seinem Beruf gemacht, Recht und Ordnung durchzusetzen. Dass sein Tod so lange unaufgeklärt bleibt, ist so ungerecht. Steffen war mit Leib und Seele ein guter Polizist.

Was auch in Zweifel gezogen wird.
Mich ärgert sehr, dass sein Ruf von zweifelhaften Zeugen straffrei beschädigt wird, weil er sich nicht mehr wehren kann. Und ich kann auch überhaupt nicht verstehen, dass langjährige Kollegen, mit denen er gern zusammengearbeitet hat, das zulassen. Ich bin mir sehr sicher, dass sich mein Mann als Polizist und Kollege im umgekehrten Fall ganz anders verhalten hätte.

Es hat Vorwürfe zu dienstlichem Fehlverhalten in der Wache Lauchhammer gegeben. Hat das aus Ihrer Sicht damit zu tun, dass die Ermittlungsergebnisse in dem Mordfall bisher zu nichts führten?
Das vermute ich. Das nagt in mir. Und das macht mich hilflos und wütend zugleich. Ich denke, dass der Schlüssel zur Wahrheit über den Tod meines Mannes auch in der Wache Lauchhammer liegen muss. Auch Steffen ist als Polizist sicher nicht fehlerfrei gewesen. Aber er hat unkorrekte Arbeit nicht toleriert und seit Jahren offen kritisiert. Darauf haben zu Lebzeiten meines Mannes weder Vorgesetzte noch Kollegen angemessen reagiert. Erst die Strafermittlungen zu seinem Tod haben auch Fehlverhalten im Dienst konkret hinterfragt. Allerdings sind die Erinnerungslücken, die gut ausgebildete und hoch dekorierte Polizisten vor Gericht offenbaren, erschreckend. Ich wünschte, dass seine Kollegen mehr Ehre im Leib hätten und zur lückenlosen Aufklärung von fragwürdigen Vorkommnissen beitrügen. Mein Eindruck ist, Steffens Kritik wird als die eines Nestbeschmutzers abgetan, damit Konflikte nicht aufgearbeitet werden müssen, alle ihre Ruhe haben und das öffentliche Vertrauen in die Polizei unerschüttert bleibt.

Sie beziehen sich hier auf Aussagen von Kollegen in einem derzeit laufenden Prozess gegen einen Revierpolizisten, der eine Razzia bei einer Drückerkolonne verraten haben soll?
Ja. Unter anderem.

Warum tun Sie sich diese Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Cottbus überhaupt an?
Die Strafkammer geht dem unglaublichen Vorwurf der mutmaßlichen Verletzung des Dienstgeheimnisses und versuchter Strafvereitelung im Amt gegen den Polizisten aus Lauchhammer nach. Und das auch nur, weil handelnde Personen erst mit den Morduntersuchungen im Fall meines Mannes wieder ins Visier der Ermittler gelangt sind. Über die offensichtlich erfolglose Durchsuchung bei dieser Drückerkolonne in Lauchhammer sind ausgerechnet Menschen gut informiert gewesen, die meinen Mann verunglimpfen und uns auch als Familie über Jahre straffrei belästigen konnten. Ich sitze nicht als Racheengel in der Zuschauerreihe, um einen Revierpolizisten leiden zu sehen. Ich suche Antworten und hoffe sehr, dass sich aus dem Prozess heraus neue Ermittlungsansätze ergeben, die das Verbrechen an meinem Mann aufklären helfen.

Und sind Sie diesbezüglich nach den ersten beiden Verhandlungstagen optimistisch?
Verhalten. In dem Beweisverfahren zum Razzia-Verrat wird sehr deutlich, dass es undichte Stellen bei der Polizeiwache Lauchhammer gegeben hat. Für mich persönlich ist absolut zweitrangig, ob dem Angeklagten das Ausplaudern dieser Durchsuchung bis zur maßgeblichen Adresse nachgewiesen werden kann. Im ersten Verfahren am Amtsgericht Senftenberg war das nicht so und der Freispruch die Folge. Ich will auch gar keine Prognose für den Ausgang des Berufungsverfahrens wagen oder Hoffnungen äußern. Die habe ich hierzu nicht. Ich frage mich dafür ernsthaft, war das wirklich nur ein Einzelfall? Und wem ist Steffen - und das will ich ausdrücklich betonen - dienstlich auf die Füße getreten? Der Mord an meinem Mann war eine Hinrichtung, keine Zufallstat. Davon bin ich überzeugt.

Haben Sie Antworten dazu nicht schon aus internen Ermittlungen der Polizei zu den Konflikten in der Wache Lauchhammer erhalten?
Nein. Ich habe immer wieder nachgefragt und auch Gesprächstermine, aber nie klare Antworten bekommen. Von jedem Innenminister bis zum heutigen Ministerpräsidenten habe ich das Versprechen persönlich erhalten, dass alles getan wird, um den Mord an meinem Mann aufzuklären. Der Glaube daran wird in regelmäßigen Abständen bei mir wieder erschüttert. Auch das gut gemeinte Mitgefühl, das mir stets versichert wird, ist keine Hilfe. Und dass ich Geduld haben muss, kann ich nicht mehr hören.

Steffen hat zu Hause nur wenig über die Arbeit gesprochen. Nach seinem Tod denke ich, er wollte uns damit auch schützen. Aber ich finde jetzt für viele quälende Fragen keine Antworten.

Aktuell ist ein Staatsanwalt wieder ausschließlich für diesen Mordfall abgestellt. Gibt Ihnen das Zuversicht?
Ja. Aber das Studium der Mordakte allein wird weiter zu nichts führen. Unabhängig von der juristischen Strafverfolgung wünsche mir, dass sich auch die Politik als parlamentarische Dienstaufsicht endlich mit dem Fall befasst. Denn ich will nicht am Todestag meines Mannes immer wieder vergebens mein Innerstes öffentlich ausbreiten müssen, nur damit der Mord nicht vergessen und zu den Akten gelegt wird.

Wenn Sie den Grund für den Mord an Ihrem Mann kennen, können Sie diesen Schicksalsschlag dann verkraften und neu anfangen?
Das weiß ich nicht. Was ich weiß, ist, dass mich die Frage nach dem Grund für den Tod meines Mannes keinen Tag und keine der schlaflosen Nächte loslässt, bis sie beantwortet ist. Es gibt viele schlaue Menschen, die mir sagen, es müsse langsam gut sein. Denen kann ich nur erwidern, das wird es nie mehr. Unsere Familie ist zerstört. Nichts bringt mir meinen Mann und unserem Sohn den Vater zurück. Aber Steffen soll wenigstens in Frieden ruhen können. Und das wird nur sein, wenn sein Mörder gefasst und auch sein guter Ruf als Polizist von allen Zweifeln frei wieder hergestellt ist. Dafür lebe ich seit sechs Jahren.

Mit Ulrike Meyer

sprach Kathleen Weser