Frau Mönig-Raane, der Kanzler bittet die Gewerkschaften am ersten März zum Gespräch, und verdi ist nicht dabei. Das wurmt, oder?
Nein. Das ist ein Treffen der DGB-Landesvorsitzenden und des Bundesvorstandes mit dem Kanzler. Zu dem Kreis gehören wir nicht, da bleiben wir ganz gelassen.

Noch herrscht eher Eiszeit zwischen Gerhard Schröder und den Gewerkschaften. Warum sind Sie enttäuscht vom Kanzler?
Wir sind nicht unbedingt dickere Freunde geworden in den letzten Wochen, das ist wahr. Der Bundeskanzler macht eine falsche Politik, die keine neuen Arbeitsplätze schafft, die nicht mehr Wachstum bringt und keines unserer drängenden Probleme löst. Darüber hinaus hat sie auch noch eine völlige, soziale Schieflage. Ich weiß, hinter dieser Politik verbergen sich entsprechende Strömungen in der SPD, Schröder ist ja kein Exot. Der Kanzler und die jeweiligen Genossinnen und Genossen müssen sich aber der Frage stellen, ob sie noch das richtige Parteibuch haben.

Was müsste Schröder tun, um in Ihrer Gunst wieder zu steigen?
Es wird völlig unterschätzt, welche Bedeutung Löhne, Arbeitslosengeld oder Rente für unsere schwache Binnenkonjunktur haben. Sparen an sich ist kein Konzept. Wir sollten uns vielmehr darüber klar werden, wie wir Probleme lösen wollen, ohne ständig am Gürtel der anderen zu zerren. Das bedeutet aber, dass Politik und Wissenschaft von den Kassandrarufen wegkommen. Ein Aufbruchsignal wäre zum Beispiel die Einrichtung eines Zukunftsinvestitionsfonds, aus dem Mittel für Bildung und Erziehung, für neue Produkte, Technologien und die schnellere Umsetzung von Ideen bereitgestellt werden. Das wäre ein Schritt, die Mehltaustimmung aus unserem Land zu vertreiben.

Das kostet jede Menge Geld. Wie soll dieser Fonds gespeist werden?
Zum Beispiel aus der Wiedereinführung der Vermögens- und einer angemessenen Erhöhung der Erbschaftssteuer. Dadurch würden wir auch gleich ein Stück weit mehr Steuergerechtigkeit in diesem Land herstellen.

Demnächst heißt der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering. Hoffen Sie darauf, dass sein Herz weiter links schlägt als das von Gerhard Schröder, die Sozialdemokraten also wieder näher an die Seite der Gewerkschaften rücken?
Müntefering verkörpert in der Tat mehr die SPD als Schröder es je konnte oder wollte.
Die Frage wird sein, ob wir uns über die Inhalte und Ziele einer konstruktiveren Politik einigen und das könnte in der Tat mit Müntefering leichter werden. Zumal die SPD bei den vergangenen Wahlen ja gespürt hat, dass ihre Stammwähler gerade aus den gewerkschaftlichen Bereichen weggeblieben sind. Um diese Wähler muss sich Müntefering mehr kümmern.

Vom Reformkurs will der neue Vorsitzende aber nicht abrücken.
Was für ein Reformkurs“ Ich würde mir wünschen, dass wir endlich einen echten Reformkurs bekommen. Was wir jetzt haben, ist doch ein Sparkurs, der nur in Ansätzen Reformen beinhaltet.

Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, welche Empfehlung würden Sie den verdi-Mitgliedern geben?
Keine.

Mit MARGRET MÖNIG-RAANE
sprach Hagen Strauß