Ali und Marwan (Namen geändert) sitzen an einem langen Tisch mit Kunststoffplatte. In der Ecke einer Küchenzeile läuft deutsches Fernsehen. Das Gerät älteren Baujahrs ist eine Spende von Senftenbergern. Aus dem Fenster an der Giebelseite fällt der Blick auf den Senftenberger See.

Ali und Marwan sind zwei von einem Dutzend syrischer Männer, die seit einigen Tagen das Obergeschoss im ehemaligen Schullandheim direkt am Seeufer bewohnen. Ein Schlafraum und ein Aufenthaltsraum für alle. Individuellen Rückzugsraum gibt es nicht. Das Erdgeschoss teilen sich drei Familien mit Kindern aus Syrien, aus Serbien und aus einer Kaukasusrepublik der russischen Förderation.

Gefährliche Überfahrt

"Guten Tag, wie geht es." Es sind die ersten deutschen Vokabeln, die Ali beherrscht. Ein betont höflicher Mann Mitte 40, aus einer syrischen Stadt nahe der jordanischen Grenze. Er sei Zahnarzt, sagt Ali. In Jordanien warteten seine Frau und fünf Kinder, die er schnell nachholen möchte. Doch niemand kann ihm sagen, wie lange das dauert.

Ali hat sich zunächst allein auf die gefährliche Flucht begeben: von Syrien nach Algerien, weiter nach Libyen, mit einem Boot über das Mittelmeer.

Der wesentlich jüngere Marwan ist mit seinem Bruder über die Türkei geflohen. Sie stammen aus Latakia, einer Hafenstadt im Norden Syriens. Jetzt teilen sie in Senftenberg mit anderen Landsleuten Zimmer und Schicksal. "Wir wollen schnell Deutsch lernen, können aber nur schlafen und essen", beschreibt Ali auf Englisch ihre Situation und fragt zaghaft: "Wo können wir Deutsche treffen?"

Naherholung contra Fremde

Dazu müssten die Syrer nur wenige Schritte über einen Asphaltweg gehen. Dort steht die Gaststätte "Am alten Wehr", ein Flachbau direkt am Uferweg um den See. Rustikale Holzmöblierung, eine schmale Theke. Gastwirt Rene Schmidtke und drei rüstige Rentner, die an diesem Mittag bei ihm ihr Bier trinken, sind von der Nutzung des Schullandheimes als Asylunterkunft nicht begeistert.

In dem Gespräch mit ihnen wird immer wieder der Satz fallen: "Wir haben nichts gegen Ausländer." Nur gegen den Standort nebenan. In dessen Ablehnung sind sie sich einig. "Wir sind hier Naherholungsgebiet", sagt Schmidtke, ein drahtiger Mann, Hemd, Hose und Lederweste in schwarz. Seit 25 Jahren betreibe er mit seinem Vater die Gaststätte. Im Sommer werde im Biergarten gefeiert.

Hassparole an der Wand

Doch schon jetzt sei sein Geschäft eingebrochen, beklagt Schmidtke. Keine Weihnachtsfeiern wie in den Vorjahren. "Wenn die Männer selbst keine Angst haben, aber um ihre Frauen schon", vermutet er als Grund für das Fernbleiben und schiebt dann nach: "Bis jetzt ist es ja ruhig geblieben."

Wie es weitergehen soll? Er zuckt die Schultern. "Zu Himmelfahrt ist hier alles rappelvoll und da wird mächtig getrunken." Wer dann vielleicht vor wem am See Angst haben müsste, lässt er offen.

Spätestens im Sommer, wenn die Touristen kommen, werde es Probleme geben, ist auch ein 70-Jähriger überzeugt, der mit zwei anderen Ruheständlern zu dieser Stunde in der Kneipe Bier trinkt. Der größte Teil der Senftenberger sei gegen die Unterbringung in diesem Heim, versichern alle drei.

Und die Demonstrationen in Dresden zeigten ja, dass die Leute sich nicht mehr alles gefallen ließen. "Der Deutsche hat Angst", sagt der 70-Jährige. Die andern beiden Männer am Tisch nicken zustimmend. Auch sei zu vermuten, dass es bald Ärger geben wird. So viele Nationen auf engem Raum: "Da wird bald die Polizei vor der Tür stehen."

Und sie machen Vorschläge, wo der Landkreis die Flüchtlinge besser hätte unterbringen können. In einem alten Polizeigebäude oder einem leeren Wohnblock.

In Schipkau lässt der Landkreis Oberspreewald-Lausitz gerade einen solchen Block für Asylbewerber herrichten. Unbekannte schmierten nachts an die Wand "Kein Herz für Asylanten". Auch vor dem Landschulheim wurden, bevor die ersten neuen Bewohner kamen, Drohungen auf die Straße geschmiert. Ein Brandsatz verfehlte das Haus und erlosch, ohne Feuer zu entfachen.

Langsam nimmt das Gespräch der drei Rentner in der Gaststätte "Am alten Wehr" Fahrt auf. Im Fernsehen habe er die serbische Familie bei der Ankunft gesehen, erzählt der eine: "Die haben richtig hasserfüllt in die Kamera geschaut", ist er sich sicher. Und Geld hätten die auch, sonst hätten die ihre Schlepper nicht bezahlen können. Wessen Asylantrag abgelehnt wurde, müsse abgeschoben werden. "Manche Ausländer denken, die können sich hier alles erlauben", sagt ein anderer.

Mit Waffen zurückschicken

Und der Dritte in der Runde kann nicht verstehen, warum syrische Männer nach Deutschland fliehen. "Die sollen dort gegen den IS kämpfen und nicht ihre Familien im Stich lassen." Mit einer Waffe in der Hand müsse man sie zurückschicken. "Wenn das mein Land wäre, ich würde kämpfen", behauptet er. Dann bestellt er noch drei Bier.

Dass es nicht Wenige sind, die keine Asylbewerber am Seeufer wollen und ihre Anwesenheit jetzt mit hoher Skepsis beobachten, hatte eine Bürgerversammlung Anfang November im örtlichen Gymnasium gezeigt. Die Aula konnte die hereindrängenden Bürger nicht fassen. Die Versammlung wurde auf den Schulhof übertragen.

Jan Unglaube saß an diesem Abend mit in der Aula. "Einige Ängste, die da geäußert wurden, sind ja zu verstehen, aber vieles, was da gesagt wurde, war einfach nur Blödsinn", sagt er. Mit seinem schmalen, blassen Gesicht unter dem Basecap, Bundjacke und Tarnfleckhose sieht er jünger aus als 31. Unglaube, der sich selbst als antirassistisch bezeichnet, beschloss an diesem Abend, den Diskussionen nicht mehr nur zuzuhören, sondern etwas zu tun.

Er richtete die Facebook-Seite "Refugees welcome" (Flüchtlinge willkommen) ein. Das ist eine Plattform für Menschen, die den Asylsuchenden Hilfe zukommen lassen wollen. Inzwischen gebe es viele Unterstützer und eine enge Zusammenarbeit mit einer ähnlichen Gruppe in Lauchhammer.

Die Gruppe um Jan Unglaube holte die Flüchtlinge am Senftenberger Bahnhof ab, begleitet sie zu den ersten Ämterbesuchen. Sachspenden von Einwohnern der Stadt gingen so reichlich ein, dass die Gruppe zeitweise damit überfordert war. "Das war Wahnsinn, was die Leute alles gebracht haben und es waren wirklich gute Sachen", freut er sich. Ein Teil davon werde jetzt an Asylbewerber im nahegelegenen Sedlitz weitergegeben.

Freikarten vom Fußballclub

Am Freitag gab es ein Willkommensfest in der Asylunterkunft im Schullandheim am Senftenberger See, offen für alle Anwohner. Die nächsten Pläne der Gruppe, so Unglaube, seien eine bessere Information der Bevölkerung über die Situation der Flüchtlinge und Aktivitäten, um sie mit mehr Senftenbergern in Kontakt zu bringen.

Geplant sei zum Beispiel ein Besuch bei einem Fußballspiel des örtlichen Clubs Senftenberger FC, kündigt Unglaube an: "Die geben für die Asylbewerber Freikarten aus."

Zum Thema:
Brandenburg wird bis zum Jahresende etwa 6000 neue Asylbewerber aufgenommen haben. In Sachsen werden es etwa 10 000 sein, doppelt so viele wie 2013.Etwa ein Viertel aller Flüchtlinge kommt zurzeit aus Syrien. Diese Menschen erhalten im Regelfall kein Asyl, sondern eine Anerkennung als Kriegsflüchtlinge nach internationalen Konventionen.Nicht jeder, der keinen solchen Aufenthaltstitel bekommt, kann abgeschoben werden. Die Bedrohung mit Folter, Todesstrafe oder religiöser Verfolgung sind Beispiele für Abschiebungshindernisse.Nicht nur in Senftenberg, sondern auch in anderen Orten der Lausitz, haben sich örtliche Initiativen gebildet, um Flüchtlinge zu unterstützen. Die Hilfe reicht von Kleider- und Sachspenden, bis zur Begleitung auf Ämter.Dringend gesucht werden ehrenamtliche Helfer, die den neu angekommenen Flüchtlingen einfaches Umgangsdeutsch beibringen. "Es geht nicht um fehlerfreie Grammatik, sondern darum, dass sie sich im Alltag in ihrem Lebensumfeld verständlich machen können", sagt Kathrin Tupaj, Integrationsbeauftragte für den Landkreis Oberspreewald-Lausitz. sim