Herr Kahrs, was treibt einen Hamburger in die Lausitz?
Zum Beispiel Fürst Pückler. Denn ich bin im Haushaltsausschuss auch Berichterstatter für Kultur. Und wir fördern Schloss und Park Branitz pro Jahr investiv mit 400 000 Euro. Jetzt haben wir vor Ort erörtert, welches Interesse es an einer Dauerausstellung gibt, die immerhin 300 000 Euro kosten würde. Und, was noch bedeutsamer wäre, ob im neuen Haushalt eine strukturelle Unterstützung für Branitz gelingen kann. Wie sie übrigens für Bad Muskau existiert. Ich werde mich dafür einsetzen.

Die Energiewende und ihre Folgen sind in der Lausitz Dauerthema. Finden Sie es richtig, dass der Bund Klimaziele beschließt und die betroffenen Regionen dann sich selbst überlässt?
Zunächst, die Klimaziele sind richtig. Aber niemand weiß heute, wie die Energiewende laufen wird. Ich bin da eher etwas schisserig, wie wir Hamburger sagen. Ich finde, man braucht ein Netz. Aus meiner Sicht kann keiner sagen, wir steigen zum Jahr X aus der Kohle aus. Aber was man sagen kann: Wir werden sie für einen Übergang - und der wird ziemlich lang sein - brauchen.

Dennoch muss die Lausitz den Strukturwandel einleiten und braucht dafür Geld . . .
Ja, sicher. Dafür muss der Bund Mittel zur Verfügung stellen. Er muss solche Umbrüche finanziell flankieren. Das tun wir anderswo auch. Ich glaube nicht, dass die Hamburger die Elbvertiefung selbst bezahlen werden.

Wie viel Zeit hat die Lausitz für den Strukturwandel?
Was in der Region nach der Wiedervereinigung bereits vollzogen wurde, ist beachtlich. Einen neuerlichen Zeitrahmen wird niemand nennen können. Aber: Wenn manche in der Lausitz auch das Gefühl haben mögen, dass sie niemand auf der Uhr hat - das ist nicht so. Ihr Ministerpräsident und die Bundestagsabgeordneten sind präsent. Auch in der starken Landesgruppe Ost. Ich sage, wir können es uns nicht leisten, dass Regionen abgehängt werden.

Was heißt das konkret?
Ich will ein Beispiel nennen: Ich habe es immer für einen Fehler gehalten, Bonn für den Verlust des Status der Hauptstadt mit Post und Telekom zu entschädigen. Wären die jeweils 20 000 Arbeitsplätze nach Magdeburg und nach Schwerin gegangen, dann hätten sich diese Städte und Regionen ganz anders entwickelt. Konkret geht es also um Cluster, um die herum sich etwas neu entwickeln kann. Dafür muss es natürlich Unterstützung des Bundes geben. Ich erinnere nur daran, dass Bayern über Jahrzehnte subventioniert wurde, bis sie die Kurve gekriegt haben.

Stichwort Wohnen: Warum will die SPD eine Grundgesetzänderung, um den sozialen Wohnungsbau voranzubringen?
Weil wir wollen, dass wieder mehr im sozialen Wohnungsbau investiert wird. Dabei geht es auch um bezahlbaren Wohnraum. Es kann nicht sein, dass das Familieneinkommen nach einer 40-Stunden-Arbeitswoche vor allem in Ballungsräumen nicht ausreicht, um vernünftige vier Wände bezahlen zu können. Das liegt vor allem daran, dass seit Langem mehr Wohnungen aus der Sozialbindung herausfallen, als neu gebaut werden. Der Anteil, der für Wohnen aufgewandt werden muss, ist von einem Drittel des Familieneinkommens auf mehr als die Hälfte gestiegen.

Was läuft da mit den Ländern schief?
Was zurzeit, da die Länder mit der Föderalismusreform die Hoheit haben, nicht funktioniert: Der Bund gibt immer mehr Geld an die Länder für den Bau von Sozialwohnungen. Doch die Länder reduzieren in ihren Haushalten den eigenen Anteil und bleiben faktisch bei der gleichen Investitionssumme oder nur bei wenig mehr. So kommen wir keinen Deut voran.

Sozialer Wohnungsbau soll also wieder in Hoheit des Bundes?
Ich sehe keine andere Chance. Wenngleich die CDU damit noch nicht konform geht, wollen wir sicherstellen, dass die vom Bund zur Verfügung gestellten Fördermillionen auch dafür verwendet werden, wofür sie gedacht sind. Unser Vorschlag: Der Bund fährt das Programm sozialer Wohnungsbau selbst.

Hamburg ist mit Olaf Scholz als Erstem Bürgermeister wieder zum SPD-Musterland zurückgekehrt. Wieso schafft Ihre Partei hier, was anderswo kaum noch gelingt?
Das liegt auch daran, dass wir in Hamburg einen hohen Anteil an Mitgliedern haben, die gut verankert sind. In den neuen Bundesländern hat die SPD dagegen das strukturelle Problem, dass Linke, CDU und FDP nach der Wende allesamt Mitglieder geerbt haben - wir aber nicht. Zudem wollten viele Menschen hier nicht mehr in Parteien eintreten. Resultat ist eine ganz dünne SPD-Basis. Aber es gilt immer noch der alte Spruch: Eine Demokratie braucht Demokraten, und eine Parteiendemokratie braucht Parteimitglieder. Wenn aber jedes Parteimitglied - wie in Mecklenburg/Vorpommern - dreieinhalb Posten bekleiden müsste, um alles zu besetzen, dann ist das für das Land schlecht.

Was können die Parteien dagegen tun?
Ich werbe dafür, dass man der Partei beitreten sollte, die man wählt. Egal, welcher Partei. Anders funktioniert das nicht. Ich kann verstehen, dass man in den neuen Ländern einen Kater hat von der DDR-Zeit. Aber das muss nach 26 Jahren auch mal genug sein. Wenn man anständig regiert werden will, dann muss man mittun.

Wie stehen Sie künftigen Dreier-Koalitionen im Bund gegenüber?
Wenn man diesem Land etwas wünschen wollte, dann wäre es Stabilität. Deshalb muss man bei allen Problemen, die Deutschland hat, zum Wesenskern zurückkehren und sich fragen: Warum funktionieren Arbeitgeber und Gewerkschaften so gut? Warum gibt es wenige Streiks? Warum haben wir nicht die Probleme von Frankreich, Griechenland oder Großbritannien? Hat die Agenda 2010 vielleicht doch etwas bewirkt? Ich habe das Gefühl, dass zu viel aus aktueller Laune heraus passiert. Dabei ist Stabilität, die von Arbeitsplätzen bis Renten reicht, so wichtig. Aus meiner Sicht schafft das in erster Linie ein Zweier-Regierungsbündnis.

Zum Thema:
Johannes Kahrs lobt sich selbst als "erstklassigen Wahlkreisabgeordneten, hervorragenden Kreisvorsitzenden und guten Jugendhilfeausschussvorsitzenden". In der RUNDSCHAU erklärt der SPD-Bundestagsabgeordnete aus Hamburg-Mitte erneut seine Art, auf Menschen zuzugehen. "Andere verkaufen Heizdecken, ich erkläre Politik", sagt er. Während normale Abgeordnete rund 300 Besucher im Jahr nach Berlin bringen, schafft es Kahrs auf 6000. Sie rollen per Bus aus seinem Wahlkreis an der Alster nach Berlin: Stadtrundfahrt, Führung durch den Reichstag, Diskussion - schildert Kahrs die Kontakte mit den Bürgern. Er sei fast nur noch damit beschäftigt, Zusammenhänge in der Politik zu erklären - auch in den Hunderten Hausbesuchen. Kahrs ist Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises. Wobei konservativ für ihn eher pragmatisch bedeutet.