Bereits 2007 haben Sie angesichts zunehmender Aufgaben und weniger Personal eine drohende Handlungsunfähigkeit angemahnt. Wie sieht es heute aus?Nach wie vor ist die Situation schwierig. Die damalige Diskussion ging ja auch um die mögliche Erhebung von Eintrittgeldern, das hat den Gedenkstätten viel Kritik eingebracht, ohne dass die Probleme gelöst wurden. Es fehlen vor allem Mittel für pädagogisches Personal. Gerade Sachsenhausen erlebt einen Besucheransturm, den wir nicht bewältigen können. Die einstigen Mahnstätten sind heute zeithistorische Museen: Unsere Mitarbeiter organisieren Veranstaltungen, arbeiten pädagogisch, betreiben Forschung. Unsere Mittel sind denen anderer Museen aber nicht gleichgestellt. Woher kommen die Gelder für die Gedenkstätten?Bund und Land finanzieren die Gedenkstätten zu jeweils 50 Prozent. Diese gesetzliche Regelung orientiert sich an den Möglichkeiten des schwächeren Partners. Für uns ist das verhängnisvoll. Das kleine Bundesland Brandenburg ist mit zwei großen Gedenkstätten stärker belastet als etwa NRW oder Baden-Württemberg - deshalb müsste es einen Länderausgleich geben. Ein privates Kultursponsoring wie in den USA findet in Deutschland zudem kaum statt. Erschwerend kommt im Fall der Gedenkstätten hinzu, dass niemand mit Orten negativer Geschichte werben will: Die wenigen Sponsoren aus der Industrie wünschen häufig keine prominent platzierte Werbung in Publikationen. Hat sich die Wahrnehmung der NS-Vergangenheit geändert?Filme wie Schindlers Liste haben eine globale Wirkungsmacht, die wir eher kritisch sehen. Originalschauplätze sorgen in einigen Filmen für scheinbare Authentizität, hinzugefügt wird allerdings ein großer Teil Fiktion. Der Blickwinkel ist zum Teil stark auf den Mord an den europäischen Juden fokussiert, sodass andere Aspekte an den Rand treten. Wenn Besucher nach Gaskammern fragen und wir die Differenzierung zwischen Vernichtungslagern und Konzentrationslagern wie Ravensbrück oder Sachsenhausen erklären, wird nicht selten nachgefragt, ob da nicht etwas vertuscht werden soll. Beeinflusst das Ihre Arbeit?Durch Film und Fernsehen entsteht ein Druck der Emotionalisierung. Ein wissenschaftlich-historischer Ansatz wird schnell als zu kühl und sachlich empfunden. Vor allem die heute 50- bis 60-Jährigen wollen an Orten wie Konzentrationslagern Betroffenheit erleben und Jüngeren vermitteln, wie sie diese selbst in der Auseinandersetzung mit einer Elterngeneration erlebt haben, die die Zeit des Nationalsozialismus verharmlost oder eigene Verantwortung geleugnet hat. Diese Form der Betroffenheit kann man bei jungen Menschen nicht erwarten. Wir sehen die historischen Verbrechensorte als Chance für ein ganzheitliches Lernen. Wird Wissen anschaulich vermittelt, entsteht auch eine Empathie mit den Opfern. Wie begegnet die jüngere Generation dem Thema?Wo die Nachkriegsgeneration die Eltern anklagte, klammert die dritte und vierte Generation häufig die eigene Familie von der restlichen Gesellschaft und damaligen Tätern aus. Diese Entwicklung der Vergangenheitsbewältigung sehe ich mit Sorge. Mit Prof. Günter Morsch sprach Stefanie Hanus