Kultur kann Kammermusik sein, Kunst oder Kino. Um welche Form von Kultur geht es bei Ihrer Tagung„
Es geht um die Gesamtheit aller kreativen und geistigen Kräfte in der Region, dazu zählen Architekten, Ingenieure, Wissenschaftler, Ärzte, IT-Forscher und eben Künstler. Durch ihre Ideen sind sie Motor für die Wirtschaft.

Unternehmen können Ausstellungen finanzieren, aber Künstler retten angeschlagene Firmen wohl kaum vor der Pleite. Wie kann Kultur Wirtschaft helfen“
Zum Beispiel, wenn es um die Ansiedlung neuer Unternehmen geht. Natürlich müssen vordergründig die harten Standortfaktoren stimmen: politische Lage, Infrastruktur, Bodenschätze und so weiter. Aber diese unterscheiden sich heute in vielen Regionen gar nicht mehr. Deshalb werden weiche Faktoren zum Zünglein an der Waage. Wie ist die Lebensqualität„ Geht die Verwaltung kreativ mit Unternehmen um“ Wie ist das Beziehungsgeflecht in einer Stadt„ Ist das ein Klüngelhaufen oder herrscht Toleranz“ Wie ist das Kulturangebot„ Gerade dieses beeinflusst die Gewinnung qualifizierter Mitarbeiter. Spitzenkräfte von Vattenfall oder der BTU pendeln täglich aus Berlin, was eigentlich unbegreiflich ist, weil sie dann weder in Cottbus noch in Berlin richtig am Kulturleben teilnehmen können.

Welche weichen Standortfaktoren in der Lausitz sind verbesserungsbedürftig“
Pluspunkte sind Natur, Freiräume, Überschaubarkeit, die Nähe zum Speckgürtel Berlins, Institutionen wie die Brandenburgische Kulturstiftung, die BTU, die Fachhochschule oder Energie Cottbus. Aber es gibt auch negative Faktoren: Ich würde mir mehr Lokalpatriotismus wünschen und weniger Intoleranz gegenüber Fremden.
Fürst Pückler hat in der Anlage des Branitzer Parks sein Konzept einer toleranten Weltreligion veranschaulicht. Mit dieser althergebrachten Toleranz sollte die Lausitz für sich werben.

Wie sehr engagiert sich die hiesige Wirtschaft kulturell„
Nicht nur große, sondern auch kleinere und mittlere Unternehmen tun viel auf diesem Gebiet. Das soll durch unsere Tagung unterstützt werden. Auch kleine Betriebe können profitieren, wenn sie sich durch eine eigene Unternehmensphilosophie von Konkurrenten abgrenzen.

Wie kann ein Lausitzer Schuhmacher über Kultur sein Image aufpolieren“
Er könnte beispielsweise eine Ballettaufführung oder einen Gesundheitskurs unterstützen oder durch rege Teilnahme am Kulturleben interessante Kontakte knüpfen, Nischen für sich entdecken und Kunden gewinnen. Ganz unabhängig von der Profession gilt: Kultur inspiriert den Geist und arbeitet im Unterbewusstsein des Menschen weiter. So entstehen kreative Ideen, die sich auch in klingender Münze auszahlen können.

Gibt es für jeden Unternehmenstopf das passende Kulturdeckelchen„
Kulturförderung muss nicht exakt zum Tätigkeitsfeld eines Unternehmens passen, sie kann auch als Gegenpol funktionieren - das Beispiel des Kunstsponsors Vattenfall zeigt es.

Auf Ihrer Tagungseinladung stehen Sätze wie "Kultur neutralisiert eine vordergründige Verkaufsbotschaft" oder "Kultur ist ein Absatzvehikel". Das klingt, als sei Kultur eine Möglichkeit für Renditehaie, sich ein kultiviertes, menschenfreundliches Image zu verschaffen.
Solche moralischen Werturteile maße ich mir nicht an. Die Dresdner Bank, bei der ich gearbeitet habe, hat zu NS-Zeiten sehr von der Ausbootung der Juden profitiert. Heute engagiert sie sich sehr stark kulturell. Das ist auch eine Form von Wiedergutmachung. Ich finde sie akzeptabel. Die Sätze, die Sie zitiert haben, zielen allerdings eher auf eine Abwehrhaltung gegenüber vordergründiger Werbung, die bei vielen Verbrauchern verbreitet ist. Über Kultur können Unternehmen subtilere Botschaften aussenden.

Was ist das Ziel Ihrer Tagung“ Geht es nur um einen Meinungs- und Erfahrungsaustausch oder sollen am Ende konkrete Ergebnisse stehen?
Ziel ist, dass Kultur - auch in den Augen der Wirtschaft - souveräner wird, Selbstbewusstsein entwickelt und im Dialog nicht als Bittsteller wahrgenommen wird. Dann ist sie übrigens auch weniger angreifbar durch Instrumentalisierung von anderen. Wenn sich in den Gesprächen der Tagungsteilnehmer und Gäste zudem gemeinsame Projekte entwickeln - um so besser.

Mit ANNE HOFMANN
sprach Felix Krömer