Es war eines der schwersten Flugzeugunglücke der DDR: Am 12. Dezember 1986 stürzte die Tupolew 134 der Gesellschaft Aeroflot im Landeanflug auf den Flughafen Berlin-Schönefeld in ein Waldstück. 72 Menschen starben. Unter ihnen 20 von 27 Schülern einer zehnten Klasse aus Schwerin, die ihre Abschlussfahrt in die Sowjetunion gemacht hatten. Mit dem Absturz der Germanwings-Maschine über den französischen Alpen werden bei Beteiligten Erinnerungen an die Tragödie wach. "Ich habe mehrere Katastrophen erlebt. Aber das werde ich nie vergessen", sagt etwa der Potsdamer Rechtsmediziner Jörg Semmler (63).

Herr Semmler, welche Erinnerungen haben Sie an das Unglück?
Unser Institut in Potsdam war gerade neu gegründet worden. Eigentlich hatte ich frei und habe Weihnachtseinkäufe erledigt. Ich erfuhr dann von meinem Kollegen, der Diensthabender war, was geschehen ist. Weil es dunkel wurde und - so wie jetzt in den französischen Alpen auch - angefangen hatte zu schneien, begann die Bergung erst am nächsten Tag sehr früh. Über Nacht wurde die Unglücksstelle abgesichert.

Wie erfolgte die Bergung?
Wir haben uns in der Früh mit dem Berliner Team getroffen. Von dann ab lief das - retrospektiv betrachtet - sehr professionell. Es gab kein Gerangel um Zuständigkeiten, obwohl die Berliner Rechtsmedizin viel größer war. Wir haben das zusammen erledigt. Mein Potsdamer Kollege und ich haben jeweils ein Identitäts- und Bergungsteam geleitet, der Berliner Kollege ein drittes Team. Da waren Kriminalisten und Hilfskräfte dabei. Dieses Vorgehen bevorzuge ich bis heute.

Was ist aus Ihrer Sicht der Vorteil einer solchen Herangehensweise mit Teams, die mit verschiedenen Spezialisten besetzt sind?
Man kann bei der Bergung der Leichen vor Ort schon vieles erkennen und zuordnen. Man bekommt eine Übersicht über Größe, Alter, Geschlecht, Haarfarbe. Man konnte teils sehen, welcher Pass zu welchem Opfer gehörte. Vieles kann sofort zugeordnet werden. Das erleichtert die Identifizierung. Wenn die Dinge zunächst von Hilfskräften eingesammelt werden, geht vieles verloren. Wobei ich die jungen Männer damals bewundert habe. Etwa 1000 Helfer waren im Einsatz und haben sehr geschickt bei der Bergung geholfen.

Wie schnell erfolgte die Identifizierung?
Bereits einen Tag später war die Identifizierung der Opfer im Wesentlichen abgeschlossen - ohne DNA-Untersuchung, die es damals noch nicht gab. Das war jedoch ein Vorteil der kleinen DDR: Alle Menschen wohnten dort, wo sie gemeldet waren. Dadurch wusste man schnell, um wen es sich handeln könnte. Gerade auch bei den Schülern. Man kam schnell an Daten heran und erfuhr beispielsweise den Namen des Zahnarztes. Dessen Befunde sind für die Identifizierung wichtig.

Sie gelten nach 39 Jahren als dienstältester Rechtsmediziner bundesweit und haben Hunderte Leichen gesehen. Lernt man, mit derartigen Bildern umzugehen?
Manches wird Routine, so etwas nicht. Mit menschlichem Leid hat man täglich zu tun. Mit menschlichem Leid, das so schlimm ist, dass man selber heulen möchte, jeden zweiten Tag. So ein Unglück ist dann die Steigerung einer Sache, mit der man täglich zu tun hat. Da arbeitet man dann ganz gezielt und effektiv. Später, wenn man zur Ruhe kommt, macht man sich Gedanken. Und wenn es später andere Katastrophen gibt - da wird das wach.

Mit Jörg Semmler

sprach Marion van der Kraats