Was ist das Massaker von Charleston, bei dem neun Afroamerikaner ermordet wurden, für Sie als Historiker - ein Akt des Terrorismus oder ein Hassverbrechen?
Es wäre ein großer Fehler, von einem Verbrechen aus Hass allein zu sprechen. Die Leute denken dann sofort, es handelt sich bei dem Täter um einen paranoiden Einzelgänger. Dylann Roof dagegen greift weit in die Geschichte zurück, um seine Tat zu begründen, wie man in dem Manifest lesen kann, das er ins Internet gestellt hat. Er identifiziert sich mit den verlorenen Bürgerkriegsschlachten der Südstaaten, mit der Sehnsucht nach dem alten, aristokratischen, angeblich besseren Süden. Wir kennen jetzt Dutzende Fotos, die Roof an historischen Stätten zeigen, darunter Sullivan's Island, wo einmal sechzig Prozent aller für Nordamerika bestimmten Sklaven amerikanischen Boden betraten. Er hat offenbar ein feines, wenn auch völlig pervertiertes Gespür für Geschichte.

Schwer zu verstehen, dass solche Gedankenmodelle auch 150 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs noch Bedeutung haben.
Solche Ideologien kommen immer dann zum Vorschein, wenn Afroamerikaner ihre Stimme erheben. Derzeit protestieren sie unter dem Motto "Schwarze Leben zählen" gegen Polizeigewalt. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren erwachte der Ku Klux Klan aus seinem Dämmerschlaf, in den er seit den 1920er Jahren gefallen war, nachdem das Oberste Gericht gemeinsamen Schulklassen von Schwarzen und Weißen den Weg gebahnt hatte. Damals brannten im Süden mehr als 300 afroamerikanische Kirchen. Höhepunkt war 1963 der Sprengstoffanschlag auf ein Gotteshaus in Birmingham, Alabama, bei dem vier Mädchen getötet wurden.

Ist das Massaker von Charleston eine Wiederholung dieser Geschichte?
Ich glaube, wir sind mitten in einer neuen Bürgerrechtsbewegung, auf die Roof auf pervertierte Art reagiert: mit roher Gewalt, so wie das schon immer geschah.

Eine Bewegung gegen Polizeigewalt …
Es geht um mehr. Für weiße Amerikaner sind Waffen Symbole der Freiheit. Für schwarze Amerikaner sind sie Symbole für Mord, sei es 1968 an Martin Luther King, sei es 2012, als der Teenager Trayvon Martin von dem Nachbarschaftswächter George Zimmerman erschossen wurde. Noch immer wirkt das Erbe des Lynchmords nach, als weiße Bürger entschieden, dass jemand sterben musste, wohl wissend, dass ihnen von Staats wegen nichts drohte. Dass Zimmerman nicht verurteilt wurde, könnte Roof bestärkt haben.

Ist das der lange Schatten der Sklaverei, von dem Nobelpreisträger Paul Krugman spricht?
Das ist richtig. Ich gehe sogar weiter: Das ist der lange Schatten, den der Rassismus in den USA bis heute wirft. Wir sind alles andere als eine farbenblinde Gesellschaft. Zwar haben wir Barack Obama zum Präsidenten gewählt, aber wir stellen - bei einem Zwanzigstel der Weltbevölkerung - ein Viertel aller Gefängnisinsassen der Welt. Über die Hälfte der Häftlinge sind Afroamerikaner oder Latinos. Wir sind bei weitem nicht farbenblind.

Wovor fürchten sich Menschen wie Dylann Roof?
Historisch gesehen gab es immer drei Begründungen für Lynchmorde an Schwarzen. Die Angst, dass sich die weiße und die schwarze Rasse vermischen; die Furcht, dass Afroamerikaner das Land übernehmen könnten, und schließlich die Schlussfolgerung aus den beiden Punkten: dass man Afroamerikaner auslöschen muss.

Aber braucht es dazu nicht eine Art Organisation, die solche Verbrechen begeht?
Das FBI mag es so sehen, ich tue das nicht. Man muss keine Organisation hinter sich haben, um ein Terrorist zu werden. Man braucht nur eine Ideologie, und die hat sich Roof zurechtgelegt. Er ähnelt damit Anders Breivik, der vor einigen Jahren das Massaker in Norwegen angerichtet hat. Er sieht sich als Bannerträger der weißen, rechtsextremistischen Bewegung.

Dennoch scheint es doch voranzugehen, wie die Wahl Barack Obamas beweist …
Ja, Martin Luther King hätte sich wohl kaum träumen lassen, dass Amerika 2008 einen schwarzen Präsidenten wählen würde. Aber das beseitigt ja nicht all die tiefverwurzelten Probleme. Während der jüngsten Rezession kletterte die Arbeitslosigkeit unter weißen Amerikanern auf acht bis neun Prozent, unter schwarzen auf 18 bis 20 Prozent. Die Wohlstandskluft, bei der die Rasse natürlich auch eine Rolle spielt. Die vielen afroamerikanischen Männer im Gefängnis. An alledem hat sich nichts geändert.

Im Vergleich westlicher Länder sind die USA wohl das religiöseste. Und nun dieses Blutbad in einer Kirche, in South Carolina, im Bibelgürtel des Südens. Ist das ein Wendepunkt, an dem die Leute sagen, jetzt reicht's?
Wie Präsident Obama schon sagte, wir müssen uns mit der Zahl der Waffen in unserem Land ebenso auseinandersetzen wie mit der Zahl der Getöteten. Aber die Vereinigten Staaten befinden sich in einer Phase, in der alles blockiert ist. Wir haben ein föderales politisches System. Wir haben nicht nur eine Regierung, wir haben fünfzig. Das hat die Rechte sehr klar verstanden: Wenn sie das Weiße Haus nicht erobern können, dann handelt man eben Schritt für Schritt, indem man die Parlamente und Gouverneursämter der Bundesstaaten erobert. Und wenn dann eine Frage wie die nach der Südstaatenflagge gestellt wird, antwortet man, dies ist eine Sache der Bundesstaaten. So war es schon in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, als sich viele gegen gemeinsame Schulklassen für weiße und schwarze Kinder wehrten. Auch damals hieß es, das geht den Rest des Landes nichts an.

Manchmal hat man den Eindruck, dass sich Durchschnittsamerikaner schwer tun mit der Debatte über Rassenbeziehungen, dass sie sich gern hinter Allgemeinplätzen verstecken.
Unsere Mythologie verschleiert unsere Geschichte ebenso wie unsere aktuelle Realität. Dem Mythos nach sind wir eine Ausnahme-Nation, ein Nation ohne Europas Klassenkonflikte, eine Nation, in der jeder Industriekapitän oder Präsident werden kann. In Wahrheit haben wir die größte Kluft zwischen Arm und Reich, und dabei spielt auch die Rasse eine Rolle. Natürlich werden Probleme offen angesprochen, denken Sie nur an die Bürgerrechtsbewegung. Aber viele Amerikaner wollen weiter an die These von der Ausnahme-Nation glauben. Dazu gehört auch zu sagen, wir sind farbenblind, wir haben kein Rassismusproblem. Charleston hat wieder einmal deutlich gemacht, dass das nicht stimmt.