Die neue Untersuchung dürfte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen kaum gefallen. Noch im Sommer hatte die CDU-Politikerin das Land mit verheerenden Prognosen zur Altersarmut aufgeschreckt. Sie erklärte, selbst ein monatlicher Bruttolohn von 2500 Euro werde nach 35 Arbeitsjahren ab dem Jahr 2030 nur zu einer Rente in Höhe der staatlichen Grundsicherung führen.

Dass zumindest die Männer beim Renteneintritt bereits heute eine durchschnittliche Beitragszeit von knapp 39 Jahren vorweisen können, unterschlug die Ministerin dabei ebenso wie die Tatsache, dass sich die Lebensarbeitszeit in den kommenden Jahrzehnten schon wegen der demografischen Entwicklung weiter erhöhen wird.

Nach der am Dienstag in Berlin veröffentlichten Auffassung des Expertenbeirats des Wirtschaftsministeriums geht die ganze Diskussion ohnehin an der gesellschaftlichen Wirklichkeit vorbei. "Das Armutsproblem Deutschlands liegt derzeit bei den Jungen", sagte der Leiter der Studie, Axel Börsch- Supan, der seit rund einem Jahr auch Chef des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik in München ist.

Gegenwärtig seien 2,6 Prozent der über 65-Jährigen auf staatliche Grundsicherung angewiesen. Sie beträgt aktuell im Schnitt 707 Euro inklusive der Warmmiete. Im Vergleich dazu lebten 7,4 Prozent der Gesamtbevölkerung von Hartz IV, also fast dreimal so viele, heißt es in dem Gutachten.

Auch wenn man die Armutsgefährdung zugrunde lege, also ein Einkommen von weniger als 60 Prozent des Durchschnitts, schnitten Rentner immer noch deutlich besser ab als andere Bevölkerungsgruppen. Unter den Senioren beträgt die Armutsgefährdungsquote 15,3 Prozent. Das ist etwa jeder Sechste. Bei den allein erziehenden Müttern ist dagegen mehr als jede Dritte (37,1 Prozent) betroffen, unter den Alleinerziehenden mit Migrationshintergrund sogar jede Zweite (49,3 Prozent).

Auch bei den 18- bis 25-Jährigen insgesamt liegt die Armutsgefährdungsquote mit 22,4 Prozent höher als in der Gesamtbevölkerung (20 Prozent). "Wir sagen nicht, dass es keine Armut gibt, aber das Problem liegt nicht primär im Bereich der Älteren", erklärte Börsch-Supan. Auch sei nicht ausgemacht, dass sich die Lage drastisch verschlechtern werde, so der Experte. Nach den Berechnungen des Beirats könnte sich der Anteil der Altersarmen in 20 Jahren im schlimmsten Fall auf fünf Prozent verdoppeln.

Vor diesem Hintergrund überraschte es auch nicht, dass sich die Wissenschaftler gegen von der Leyens Zuschussrente aussprachen, durch die Niedrigverdiener ihre spätere Rente auf einen Betrag oberhalb der Grundsicherung aufgestockt bekommen sollen. Anstatt dort "Milliarden zu versenken, sollten wir sie bei jungen Leuten investieren", sagte Börsch-Supan. Als Beispiele nannte er besondere Bildungsangebote sowie eine konsequente Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit.

Dagegen warnten die in der Nationalen Armutskonferenz zusammengeschlossenen Wohlfahrtsverbände vor Schönfärberei bei diesem Thema. "Armut ist politisch gewollt", erklärte ihre Vize-Sprecherin Michaela Hofmann mit Blick auf Hartz IV und den Mangel an Kinderbetreuungsplätzen. Kern ihrer Kritik war der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, der bislang nur in Entwürfen vorliegt und intern an manchen Stellen abgeschwächt wurde. Die Veröffentlichung ist für die zweite Januar-Hälfte geplant. Bereits vor zwei Monaten hatte die Nationale Armutskonferenz dazu einen eigenen "Schattenbericht" vorgelegt, in dem ein drastisches Bild über die soziale Lage in Deutschland gezeichnet wurde.