"Viele Menschen in meinem Land bezahlen mit dem Leben, weil sie laut sagen,
was sie denken."
 Anna Politkowskaja


"Ein Zeichen setzen wollen wir mit diesem Abend, Denkanstöße geben", sagt Guido Neubert, Dramaturg für Schauspiel an der Cottbuser Bühne. "Wir wollen mit der Veranstaltung dazu beitragen, dass diese mutige Journalistin, die erst vor einem halben Jahr ermordet wurde, nicht vergessen wird", fügt Heron-Chef Roland Quos hinzu. Möglichst viele Menschen möchten sie erreichen. Und es kommen zu ihrer Freude viele Cottbuser an diesem Abend. Männer und Frauen jedes Alters, Schüler, Studenten aus unterschiedlichstem Antrieb.
Die Abiturientin Marlen Hennig zum Beispiel hatte in der Schule einen Vortrag zum Thema Tschetschenien und Russland und in diesem Zusammenhang auch von Anna Politikowskaja gehört. "Ich hoffe, in der Lesung noch etwas mehr zu erfahren", sagt sie. Diskutieren möchte Uwe Richter, Student an der Brandenburgischen Technischen Universität. Das Buch "Tschetschenien - Die Wahrheit über den Krieg", aus dem an diesem Abend gelesen wird, kennt er schon. "Ich würde gern die Meinung von anderen dazu hören", betont er. Auch das nicht einfache Verhältnis Deutschlands zu Putins Russland beschäftigt den jungen Mann mit den Rastazöpfen.
Die Mitglieder der Cottbuser Gruppe von Amnesty International, vertreten durch Britta Laursen, Silvia Seidel und Sören Pätow, wollen viele Unterschriften für eine Petition an Russlands Präsidenten Wladimir Putin sammeln, in der die lückenlose Aufklärung des Mordes an der Journalistin am 7. Oktober 2006 - der Geburtstag von Putin - gefordert wird.
Die Kammerbühne füllt sich rasch - fast wie an einem Theaterabend. Als die Letzten in den Saal huschen, muss noch schnell ein raumteilender Vorhang hochgezogen werden, damit auch alle Platz finden. Gespannte Stille herrscht im halbdunklen Saal, in dem ein überlensgroßes Porträt Politkowskajas die Blicke der Zuschauer auf sich zieht. Davor Susann Thiede und Hans-Peter Jantzen. Sie fesseln die Zuschauer mit ihrem Vortrag. Es geht um Tschetschenien, das kleine rohstoffreiche Land im Kaukasus. Von hier erfährt die Welt seit dem zweiten Krieg in der Region nur noch, was Russlands Präsident Putin genehm ist. Eine Stecknadel könnte man zu Boden fallen hören, als die Schauspieler aus dem Text "Machkety. Ein Konzentrationslager mit kommerziellem Einschlag" vortragen. Die Zuschauer werden aus szenenisch geschriebenen Bildern mit Willkür und Strafaktionen russischer Soldaten gegen Zivilisten konfronti ert, mit Folter, Vergewaltigungen und mit brutalen Übergriffen auf die Journalistin selbst. Kaum ein Räuspern stört die Stille, so konzentriert, zum Teil auch geschockt, lauschen die Besucher den Texten. Das eindringliche und virtuose Spiel von Concerto vivo zwischen den Lesepassagen wirkt wie eine Erholungsphase, hilft, Gehörtes zu verdauen.
Politikowskaja schrieb für eine der wenigen unabhängig gebliebenen Zeitungen in Russland, die "Nowaja Gazeta" (Neue Zeitung). Bereits vor Politikowskaja hatte das Blatt seit 1999 durch Mordanschläge zwei Mitarbeiter verloren. Die Jornalistin ist an die 50-mal in den Nordkaukasus gereist. Sie - 1958 in New York als Diplomatenkind geboren - beschrieb zahllose Einzelschicksale und dokumentierte akribisch Menschenrechtsverletzungen. Politkowskaja pflegte Kontakte zu Untergrundkämpfern, russischen Soldaten, Flüchtlingen und Zivilisten. Und sie prangerte Korruption und Unterschlagung in ihren Reportagen an.
Der Westen überhäufte sie für ihr Wirken und ihren Mut mit Ehrungen. Für Putins Russland indes wurde sie mit ihrer kritischen Berichterstattung immer mehr zum roten Tuch. Das lassen allein schon die wenigen Texte, die in der Kammerbühne zu Gehör kamen, ahnen. Bis zu ihrem gewaltsamen Tod wird Politkowskaja behindert, schikaniert, verhaftet, überlebt knapp einen Giftanschlag.
Als in der Kammerbühne die letzten Sätze, die letzten Töne verklungen sind, klatschen die Zuschauer sehr lange Beifall und zögern mit dem Aufbruch. Anerkennung für einfühlsame Lesung und musikalische Darbietungen - aber vor allem Hochachtung für eine mutige Frau, eine Mutter von zwei Kindern, die in Russland im Angesicht größter Gefahr als eine von wenigen die Meinungsfreiheit hochgehalten hat.