Rund 30 000 Zuschauer waren am Sonntag dabei, als die internationale Reenactment-Szene südlich von Leipzig die Völkerschlacht nachspielte. Eins der größten Gemetzel aller Zeiten, mit Kanonendonner und Qualm, mit Kriegsgeschrei und Theaterblut. Warum sehen sich die Leute das an? "Die Kostüme sind klasse", sagt der 56-jährige Ewald, , Ingenieur aus Thüringen. "Da werden alte Erinnerungen wach." Erinnerungen woran? "An die ganzen alten Filme, die es über Napoleon gibt." Ach so! Die 25-jährige Nora, Studentin aus Leipzig, ist aus Neugier gekommen und fasst es kaum: "Unglaublich, hier sind Menschen aus allen Ländern." Allerdings stößt die Völkerverständigung im Zuschauerbereich an ihre Grenzen. Der Lärm ist höllisch.

Vor 200 Jahren kreisten die vereinigten Armeen von Russland, Preußen, Österreich und Schweden das Heer des französischen Kaisers Napoleon in Leipzig ein. Die Innenstadt erlebte einen brutalen Häuserkampf. In der heutigen Boutiquenmeile und Starkbierzone türmten sich Leichenberge. Das alles nachzuspielen, wäre doch zu heftig gewesen. Deshalb hat der Verband "Leipzig 1813" das Kampfgeschehen von drei Tagen auf vier Stunden eingedampft. Die vier Zuschauertribünen für 7000 Menschen waren schon vor Wochen ausverkauft.

Die Gefechtsdarstellung auf 500 000 Quadratmetern historischem Schlachtfeld ist Höhepunkt der Leipziger Gedenkveranstaltungen zur Völkerschlacht vor 200 Jahren.

6000 Kostümierte aus 24 Ländern kämpfen mit. Kostümaufzüge zum Völkerschlacht-Jahrestag gibt es in Leipzig jedes Jahr. Zum Doppeljubiläum wächst das Spektakel auf nie dagewesene Größe. Aber trotzdem hundertmal kleiner als damals: 1813 standen im Leipziger Südraum mehr als 400 000 Franzosen 180 000 Russen, 160 000 Preußen, 130 000 Österreichern und 23 000 Schweden gegenüber.

In die sonst so friedlichen Weinteichsenke bei Markkleeberg haben die Kulissenbauer ein Dörfchen gestellt, das im Laufe des Nachmittags von den Franzosen erkämpft und später von den Alliierten wieder zurückerobert wird. Das verspricht zwar Action, dennoch fehlt dem Ganzen der letzte Hauch Echtheit: Hier wird kein Schicksalskampf um Leben und Tod und Landgewinn über die Bühne gezogen. Hier steigt ein großes Volksfest. Draußen auf der Festmeile wird völkerverbindender Kartoffelschnaps ausgeschenkt. Und alle Kriegsparteien trinken mit.

Nachmittags um halb vier zieht sich die französische Artillerie über das Flüsschen zurück. Damit ist das Spiel entschieden. Es brennt noch ein Schilfdach ab. Die bayerische Artillerie rückt noch einmal aus. Und immer mehr Sachsen laufen zu den Alliierten über. Halb fünf wird abgepfiffen. Fortschritt gegenüber dem Echt-Ereignis von 1813 ist, dass diesmal keine 92 000 Menschen sterben müssen. Stattdessen gibt es hinterher - völlig unhistorisch - eine gemeinsame Gedenkminute für die Gefallenen von einst. Im Völkerschlachtdenkmal singt ein Chor am Abend "Eine Europäische Friedensmusik". Die müden Krieger dürfen sich beim Lagerfeuer-Umtrunk erholen.

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Vertreter von 15 europäischen Fürstenhäusern sind am Samstag im Rahmen der Gedenkfeiern zur Völkerschlacht in Rötha bei Leipzig zu einem ökumenischen Gottesdienst zusammengekommen. An der Andacht in der St. Georgenkirche wirkten der evangelische Landesbischof Jochen Bohl, der russisch-orthodoxe Erzbischof Longin von Klin und der Bornaer Pfarrer Dietrich Oettler sowie der Thomanerchor Leipzig mit. Anschließend fand ein gemeinsames Gedenken am Standort des früheren Schlosses Rötha statt, das den Alliierten gegen Napoleon 1813 als Hauptquartier gedient hatte und 1969 gesprengt wurde.