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Montagabend, kurz nach fünf. In achteinhalb Stunden wird der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika dem Irak Krieg erklären. „Gott segne Amerika“ wird George W. Bush in seiner Rede enden. Überall auf der Welt wird man ihn hören. Überall, wo es Fernseher gibt oder Radios.
„Herr, gibt uns deinen Frieden“, beten 120 Cottbuser in diesen Minuten in der Oberkirche St. Nikolai. 120, die sich nicht damit abfinden wollen, dass es wieder Krieg geben soll, Tote, noch mehr Elend, Qualen, Leid. 120, die hoffen, dass Bush umkehrt, dass er versteht. Dicht an dicht stehen sie, ihr Vaterunser schallt durch das hohe weiße Kirchenschiff, ihre Köpfe sind gesenkt, viele Augen geschlossen.
Tina Varga steht unter ihnen, ganz still, vorn, in der ersten Reihe. Das Vaterunser fällt ihr schwer. Im Gebet hat die Schülerin keine Übung. Sie ist 15, das erste Mal hier und glaubt „eigentlich gar nicht an Gott“. Aber auch nur eigentlich. Denn „beten schadet nie“, daran glaubt Tina wiederum ganz fest. Und daran, dass man was tun muss „für die Menschen im Irak“. Darum ist sie heute Abend hier, in der Oberkirche, zusammen mit ihren Freundinnen.

„Hallo Gott, ich habe eine Frage“
Und Tina ist überwältigt. So vielen unterschiedlichen Menschen sieht sie ins Gesicht, wenn sie sich umblickt. Rentnern, jungen Frauen, Geschäftsleuten, Kindern, Studenten. Sie alle stehen hinter ihr.
Vor Tina steht ein großes Holzkreuz. Es ist umringt von Kerzen, umstellt von Blumen und übersät von unzähligen Zetteln. Blaue, grüne, gelbe, weiße, ordentlich gefaltet oder einfach aus einem Block gerissen. Frieden wird auf dem Papier gefordert, auf russisch, deutsch, japanisch, sogar auf arabisch. „Hallo Gott, ich habe eine Frage“, steht auf dem Blatt von Sarah, „wieso müssen Kinder wie wir leiden, sterben oder vergewaltigt werden. Das ist grausam und gemein. Lass das aufhören“, fleht sie. „Bitte!“
Überhaupt, die Kinder. „An sie müssen wir zuallererst denken“, sagt Helga Altmann leise. Sie sitzt am anderen Ende der Reihe, ganz hinten, ist mit ihrer Schwägerin zum Gebet gekommen. Für ihre beiden Söhne und ihr Enkelkind. Fünf, sechs Mal waren die beiden Cottbuserinnen schon hier „seitdem es um Krieg und Frieden geht“.
Auch Helga Altmann gehört der Kirche nicht an. Aber „was können wir anderes tun, als zu beten in diesem Augenblick?“, fragt sie.

Eine Postkarte an Bush
Hinter ihr steht eine junge Frau. „Dona nobis pacem“ (gib uns Frieden), stimmt sie in den Gesang des Kirchenchors ein. Sie wiegt ihr Baby auf dem Arm. Noch kein halbes Jahr ist es alt. Krieg soll das Kind nie erleben.
Es ist kalt in der Kirche, diesen Montagabend. Ein kühler Wind zieht durch die schwere Holztür herein, lässt die Kerzen flackern. Die Melodie seines Pfeifens klingt schrill. Flugblätter flattern im Takt, neben ihnen bunt bedruckte Karten. „Krieg verhüten“, steht dort. Ein Panzer ist draufgemalt, eingehüllt in ein Präservativ. Auch das Adressfeld der Karten ist bereits bedruckt. Die Adressaten stehen fest. Die roten Karten gehen an George W. Bush in die Botschaft nach Berlin, die blauen ins Kanzleramt zu Gerhard Schröder. Um Mut zu machen. Blau steht für die Moral, für Idealismus. Auch für den Himmel, wenn man will.
Markus Malk steht auf, geht den roten Teppich entlang von seinem Stuhl bis nach vorn zum Mikrofon. Der Student ist nervös, schiebt seinen Kaugummi im Mund hin und her, faltet einen Zettel auseinander und beginnt zu lesen. „An den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika“ beginnt er, und endet: „ . . . Säen Sie keinen Hass, ernten Sie Liebe.“ Fürs Gebet war der Brief gar nicht gedacht, eigentlich, sondern für den Präsidenten. Über das Rathaus sollte er an ihn gehen. Die Stadt hat das abgelehnt. Das war Mitte Februar. US-Botschafter Daniel R. Coats war gerade zu Besuch. 360 Studenten hatten den Brief bis dahin unterschrieben. Markus Malk ist einer von ihnen, und er ist Christ.
Dass George W. Bush das auch ist, bezweifelt er. Auch wenn der Präsident bei jeder Gelegenheit zu Gott spricht. In jede Fernsehkamera, in jedes Mikro. „Nee“ , sagt Malk, „der kann kein Christ sein. Christen wollen doch Liebe, wollen Menschlichkeit und Frieden.“

Die Bedenken der Kirche
Pfarrerin Dorothea Hallmann denkt das wahrscheinlich auch. Obwohl sie mehrfach beteuert, dass es ihr „nicht zusteht, darüber zu urteilen“, weiß sie schon, wie umstritten Bush ist, selbst in seiner eigenen Kirche in Texas. Die evangelischen Methodisten täten sich schwer mit dem Mann aus dem Weißen Haus. „Sehr schwer.“

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