Mehr als 200 Bewerbungen hat die 41-jährige Angela Kolbe aus dem Landkreis Wittenberg seit dem Sommer geschrieben. "Immer wieder erhielt ich Absagen, war enttäuscht", schildert sie ihre Lage. Heute gehört sie zu den Frauen und Männern des Pilotprojektes für den Arbeitsmarkt in Deutschland mit dem Titel "Bürgerarbeit" in der rund 4200 Einwohner zählenden Kleinstadt Bad Schmiedeberg. Ziel ist es, Langzeitarbeitslose über eine gemeinnützige Tätigkeit wie in Vereinen, der Kirche, bei der Betreuung von Senioren, Kindern und Jugendlichen außerhalb der Schule oder bei der Freiwilligen Feuerwehr wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren.
Finanziert wird die "Bürgerarbeit" aus Mitteln der Arbeitsagentur, der Arge Wittenberg und vom Land Sachsen-Anhalt, das die Arbeitgeberanteile bei der Sozialversicherung übernimmt.
"Arbeitsplätze in der Wirtschaft dürfen damit aber auf keinen Fall gefährdet werden", betont Rainer Bomba, Geschäftsführer bei der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen der Bundesagentur (BA) für Arbeit in Halle. Mit Sach sen-Anhalts Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU) gilt er als einer der Initiatoren des Projekts "Bürgerarbeit", das bundesweit für Aufsehen sorgt.
Innerhalb weniger Wochen ist durch das Projekt in Bad Schmiedeberg die Arbeitslosigkeit von 15,6 Prozent auf 6,8 Prozent gesunken, freut sich Bürgermeister Stefan Dammhayn (CDU). Es war im Juli zunächst beim Verein Lebenshilfe in Magdeburg mit 20 "Bürgerarbeitern" als "Laborversuch" gestartet. Am 15. November wurde es erstmals in Deutschland mit dem Kurort im Naturpark Dübener Heide auf eine komplette Kleinstadt und damit in der Fläche ausgeweitet.
"Als das Angebot im November kam, war das für mich wie ein Sechser im Lotto", erzählt "Bürgerarbeiterin" Kolbe, die Mutter von vier Jungen im Alter von acht bis 18 Jahren ist. Bis 2004 hatte sie mit ihrem Mann eine eigene Firma für Güterkraftverkehr. "Die Auftragslage war super, aber die Kosten fraßen unser Geschäft auf", sagt sie. "Ich war dann zur Hausfrau verdammt, das war furchtbar für mich", erzählt die gelernte Verkäuferin, die sich nach der Wende zur Bürokauffrau qualifizierte.
"Für unsere Stadt ist das Projekt Bürgerarbeit ein Glücksfall, für uns war Mitte November schon Weihnachten", sagt der Bürgermeister. "Wir können in Bad Schmiedeberg nun Dinge machen, wofür wir sonst gar nicht in der Lage wären", sagt das Stadtoberhaupt der hoch verschuldeten Kommune.
So zeigt "Bürgerarbeiterin" Kolbe auf die in altdeutscher Schrift verfasste Chronik der Freiwilligen Feuerwehr des Ortes. Per Computer arbeitet sie die Handschriften nun für das 125-jährige Bestehen sorgsam für die heutige Generation auf. 30 "Bürgerarbeiter" gab es in Bad Schmiedeberg zum Start der Projekts.
Dadurch hat auch der 48-jährige Reiner Kaspar, gelernter Landmaschinenschlosser, wieder eine Beschäftigung und möbelt die historischen Feuerwehrautos fachmännisch auf. Die Kirche und Senioreneinrichtungen im Ort schätzen die Hilfe auch.
In Bad Schmiedeberg gibt es inzwischen mehr als 80 "Bürgerarbeiter", bis zu 130 sollen es laut Arbeitsagentur demnächst sein. Weitere 150 "Bürgerarbeiter" sind in Barleben bei Magdeburg ab Februar 2007 geplant, Thüringen ist auch im Gespräch.
Im Unterschied zum "Ein-Euro-Jobber" bekommen die "Bürgerarbeiter" einen Arbeitsvertrag für eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung für ein Jahr. "Je nach Qualifikation sind das im Monat bei 30 Stunden in der Woche im Durchschnitt 800 Euro brutto", erklärt Bomba. Die gesetzlichen Möglichkeiten für eine großflächige Ausweitung des Projekts seien begrenzt. "Da ist die Politik gefragt", sagt er. Obwohl die Arbeitslosigkeit in Sachsen-Anhalt 2006 auf nunmehr 16 Prozent (November) gesunken ist, sei "Vollbeschäftigung momentan aber eine Illusion", räumt Bomba angesichts von 202 600 Arbeitslosen in Sachsen-Anhalt ein.