Mit 19 Jahren lernte Dieter Herrmann einen Partner (38) kennen. Er holte ihn aus der Kölner Stricherszene heraus. "Nach zwei, drei Jahren haben wir festgestellt, dass wir sexuell nicht zusammenpassen", erzählt Herrmann. Dennoch wollten sie zusammenbleiben. Der Ausweg: "Ich habe ihm die Freiheit gegeben, dass er sich sexuelle Abenteuer suchen kann." Er hatte auch mehrere. Dieter ist ein treuer Mensch. Deshalb suchte er sich einen einzigen Liebhaber, mit dem er sich über Jahre traf. "Wir hatten Sex ohne Kondom", sagt er. "Ich bin damals nicht auf die Idee gekommen, dass mein Liebhaber außer mir noch andere haben könnte. Ich sagte mir, ich bin beiden treu. Was soll mir passieren„" Heute weiß Dieter Herrmann, dass er sich 1990 bei seinem Liebhaber angesteckt hat.
Von seiner Infizierung hat Dieter Herrmann allerdings erst vier Jahre später erfahren. Er blieb mit seinem Partner elf Jahre zusammen - bis der an Krebs starb. Da Dieter Herrmann "allein nicht lebensfähig ist", hat er sich nur drei Monate später einen neuen Freund gesucht. Er bestand auf einen HIV-Test. "Ich hatte mir vorher und auch zwischen der Blutabnahme und dem Ergebnis überhaupt keine Gedanken gemacht", sagt er. Als ihm der Arzt offenbarte, er sei HIV-positiv, habe er gelacht. Ein Schicksalsschlag mehr, dachte sich Dieter Herrmann. Denn er verlor bereits seine Mutter, hatte den Todeskampf seines Partners miterlebt, die Gelbsucht und drei Krebserkrankungen besiegt.

Narben am Körper
Angekommen ist die Schreckensbotschaft, als Dieter Herrmann bei seiner 16-köpfigen, jugoslawischen Wahlfamilie saß. Als er das Testergebnis verkündet hatte, sagte einer: Dieter, bitte hilf uns! "Da bin ich laut schreiend aus dem Zimmer gerannt. Ich dachte damals, was wollen sie Hilfe von mir. Ich bin der Todkranke." Monatelang wurde über Aids geredet, monatelang benutzte er eigenes Besteck, eigene Tassen und Teller. Küsschen waren tabu. Bis sich die Familie bei der Aids-Hilfe beraten ließ. "Danach führten wir wieder ein normales Leben. Ich habe erfahren, dass der Hilferuf der Familie eigentlich nur ein Zeichen der Hilflosigkeit und Angst war."
HIV-positiv. Über das Ergebnis hatte Dieter Herrmann damals täglich nachgedacht. Jeden Fleck und Pickel auf der Haut, deutete er als Aids-Ausbruch. Er dachte auch, er würde nie wieder Sex haben. Doch nur kurze Zeit später traf sich Dieter Herrmann mit einem Bekannten. "Er hat mich betrunken gemacht und verführt. Am nächsten Morgen habe ich einen Schreck gekriegt. Ich sagte ihm: ‚Wie konntest du nur so ein Risiko eingehen, ohne Kondom“‘" Der Bekannte, der negativ und in der Aids-Hilfe tätig war, erklärte ihm, dass man unter gewissen Spielregeln auch ohne Kondom Sex haben kann. In dem Augenblick waren für Dieter Herrmann zwei Dinge klar. Erstens: "Er hat mir die Angst genommen, dass mein Sexualleben hinfällig war." Zweitens: "Ich werde nie einen Partner haben, der negativ ist. Das Risiko, ihn anzustecken, ist mir zu hoch."
Im Jahr 2000 brach Aids bei Dieter Herrmann aus. "Meine Haut war offen, wie bei der Krätze. Ich habe mir alles blutig gekratzt." Vier Monate musste er im Krankenhaus verbringen, bis alles abgeheilt war. Danach musste er mit Lungenentzündungen und der Gürtelrose kämpfen. Heute erinnern noch die Narben an seinem Körper daran.
Dieter Herrmann war körperlich nicht mehr in der Lage, seinen Job bei der Kölner Messe zu bewältigen. "Man hat mich in die Rente reingetreten", sagt er. "Ich war für nix mehr nütze, keiner hat mich gebraucht." Als Dieter Herrmann seelisch ganz tief unten war, fuhr er nach Thüringen in den Urlaub. Jedes Jahr treffen sich dort HIV-Positive eine Woche lang auf einem Schloss. "Und da kam ein Mann um die Ecke, sieht mich direkt an und sagt: ‚Du gefällst mir. Mit dir will ich alt werden.‘" Dieser Mann holte Dieter Herrmann nicht nur aus seinem Tief, sondern auch von Köln nach Potsdam. Seit sechseinhalb Jahren sind sie ein Paar. "Ich bin mir sicher, dass wir bis ans Ende unseres Lebens zusammenbleiben." Da beide HIV-positiv sind, haben sie vorgesorgt. Eine Patientenverfügung erlaubt dem jeweils anderen, lebenserhaltende Maschinen abzustel len.
Heute spricht Dieter Herrmann als Vertreter der Aids-Hilfe Potsdam in Schulen, auf Kongressen und bei seinem Rote-Schleifen-Frühstück über seine Krankheit. "Das ist mir wichtig, weil es in Deutschland zu wenig HIV-Positive gibt, die über das Thema aufklären", sagt er. "Es reicht nicht mehr, im Bio-Unterricht über die Wichtigkeit von Kondomen zu sprechen." Jugendliche und Erwachsene interessiere vielmehr, wie es im Leben eines HIV-Positiven aussieht.

Sorglose Jugendliche
Herrmann ist aufgefallen, dass Jugendliche oft sorglos mit dem Thema umgehen. Sie sagen: "Mensch, du siehst ja relativ gesund aus." Aids ist heute nicht mehr sichtbar. Herrmann: "Man hungert nicht mehr so ab, wie Tom Hanks im Film Philadelphia." Außerdem schieben Schüler Medikamente vor, mit denen ein Infizierter laut Hermann noch 40 bis 50 Jahre leben kann. Die Medikamente von Dieter Herrmann kosten monatlich 1600 bis 1800 Euro. Heilmittel sind das nicht. Sie kapseln den Virus nur ab und verhindern sein Ausbreiten.
Eine unsichtbare Krankheit, die mit Arznei behandelt wird, da kommen Schüler schon mal zu dem Schluss: So schlimm kann es doch gar nicht sein. Herrmann: "In dem Fall zeige ich den Jugendlichen meine erschreckenden Narben und versuche ihnen begreiflich zu machen, Aids ist und bleibt eine tödliche Krankheit."

Kontakt zu Dieter Herrmann ist möglich über die Aids-Hilfe Potsdam,
Telefon 0331/95130851