Herr Reiche, was empfinden Sie als Bildungsminister, der einer Schule vorsteht, die in letzter Zeit ständig auf dem Abstiegsplatz gestanden hat?
Das waren die Ergebnisse für die Bildungspolitik im Lande von 1990 bis 1999. Denn die Pisa-Untersuchung hat 2000, Iglu (Internationale Grundschul-Untersuchung/d.Red.) im Jahre 2001 stattgefunden. Die Quittung für das, was wir in den letzten fünf Jahren gemeinsam verändert haben – in einem so in Brandenburg für die Bildungspolitik noch nicht da gewesenen Konsens- und Kraftakt –, bekommen wir erst 2006. Unter anderem dafür, dass Grundschüler heute mehr Unterricht erhalten.

Schnelle Ergebnisse sind also nicht zu erwarten?
In der Bildungspolitik kann man nicht heute umsteuern und morgen Ergebnisse erwarten. Wir haben im Jahr 2000 mit der Bildungsoffensive und ihrer Umsetzung begonnen. Zurzeit wird der Schlussstein mit dem Modell der Visitation, also der Begutachtung der eingeleiteten Veränderungen, gelegt. Insofern braucht man in der Bildungspolitik beides: einen langen Atem und eine Vision. Der Landesschulbeirat, das Ministerium, die Lehrerinnen und Lehrer im Land und ich haben in den vergangenen fünf Jahren beides gehabt. Einen langen Atem für einen gemeinsamen energischen Umbauprozess und eine Vision, wo wir hin wollen.

Was ist denn schief gelaufen in den ersten beiden Legislaturperioden nach 1990?
Der sicher größte Fehler war, dass wir die Struktur des gemeinsamen Lernens – von der ersten bis zur zehnten Klasse –, wie sie in Schweden und Finnland bestehen, 1990 abgeschafft haben. Das war damals der Wille aller Bürger und auch der Politik. Dieser Fehler ist nur langsam zu korrigieren. Aber es ist auch anderes falsch gemacht worden – etwa im Vergleich zu Sachsen. Und dazu zählt, dass wir Freiheit zwar gegeben haben, aber zu wenig Leistung überprüft haben, dass zu wenig Leistungsorientierung da war.

Was hat sich seit Ihrem Amtsantritt grundlegend geändert?
Das Grundlegendste war sicher die Umsteuerung hin zu einer verstärkten Qualitätssicherung durch permanente Verfahren der Ergebniskontrolle. Wir und auch die Lehrkräfte sollen und wollen wissen, was Schüler an wichtigen Punkten ihrer schulischen Laufbahn können, gelernt haben, wo sie gezielt gefördert werden müssen. Wir führen Lernstandsanalysen in der ersten und in der siebenten Klasse ein. Wir machen Vergleichsarbeiten und wir machen diagnostische Tests zusammen mit Bayern und Berlin am Ende der zweiten Klasse. Wir haben jetzt wieder zentrale Prüfungen in den Jahresstufen zehn und dreizehn. Auf diese Weise gibt es heute einen höheren Leistungsdruck in der Schule, eine Leistungsorientierung. Den Schulen gewähren wir für schülerorientiertes, selbstständiges Lernen viel Freiheit, prüfen aber in regelmäßigen Abständen, wie die Schulen diese Freiheit ge nutzt haben – was am Ende rauskommt und wie groß der Erfolg von Schule in dieser Selbstständigkeit ist.

Warum hat es so lange gedauert, bis diese Korrekturen eingesetzt haben, selbst zu Zeiten der SPD-Alleinherrschaft gab es kaum Korrekturen?
Also zum einen gab es 1990 gute Ideen, aber es sind die falschen Schritte gemacht worden. Und in den Jahren bis 1999 hatte Bildung in der Brandenburger Politik auch nicht den Stellenwert, der ihr gebührt. Erst ab 1999 hat Bildungspolitik im Lande Priorität. Heute machen in der Bildungspolitik alle mit. Heute kümmern sich die engagiertesten Köpfe in den Gemeinden, in den Kreisen und im Land um die Bildungspolitik bis hin zum Ministerpräsidenten, der immer wieder klar sagt, dass die einzige Ressource für Zukunft in Brandenburg Grips ist. Und ich sage es mit meinen Worten: Die Zukunft wächst zwischen den Ohren unserer Kinder.

Hat Bildungspolitik auch im Finanzressort Priorität?
Das schließt die Finanzministerin mit ein, denn nach 13 Jahren, seit Bestehen des Landes Brandenburg, ist im Haushaltsjahr 2004 das erste Mal der Bildungshaushalt – also der von mir verantwortete Haushalt – der größte Einzelplan des Landes. Verkehrsminister Szymanski verantwortet den zweitgrößten Einzelplan. Das war 2003 noch umgekehrt.

In Brandenburg hat sich da eine positive Entwicklung vollzogen. Aber wie ist es im Vergleich zu den anderen Bundesländern? Man sagt immer, dass in Brandenburg mit am wenigsten im Bereich Bildung ausgegeben wird.
Sachsen und Brandenburg hatten zwar über mehrere Jahre hinweg pro Schüler die geringsten Ausgaben. Bedenken muss man dabei aber, dass die Ausgaben eine relative Zahl sind. Der größte Brocken im Bildungsbereich sind die Lehrergehälter, die wie der öffentliche Dienst insgesamt bisher erst 93 Prozent der Westangleichung erreicht haben. In dem Moment, wo Sachsen und Brandenburg auch wegen der Entscheidung auf der Ebene der Tarifgemeinschaft deutscher Länder 100 Prozent Lehrerbesoldung bezahlen, wird sich die Ausgabenrelation in Bildung im Vergleich mit anderen Ländern anders darstellen.

Aus der Kommunalpolitik gibt es nicht selten massiven Widerstand gegen Ihre Reformen. Wie gehen Sie damit um, und wie weit sind Sie da kompromissfähig?
Das Jahr 2004 wird aller Voraussicht nach aus Sicht der Schulentwicklungsplanung das für den Bildungsbereich schwierigste Jahr seit der Wende und auch für die nächsten Jahre sein. Während wir im Sommer 2002 noch über 31 000 Schüler in die siebente Jahresstufe aufnehmen konnten, werden es in diesem Jahr nur noch knapp über 17 000 sein. Das heißt, wir haben innerhalb zweier Jahre rund 14 000 Schüler weniger für diese Jahresstufe. Ein solch dramatischer Rückgang aufgrund der geburtenschwachen Jahrgänge macht außerordentlich harte Einschnitte in der Schulstruktur notwendig.

Was heißt das konkret?
Für eine Schule, die gut funktionieren soll, braucht man mindestens 200 bis 250 Schüler. In der Grundschule haben wir schon heute viele außerordentlich kleine Klassen – 20, 23, 24 Schüler sind die Regel, nicht die Ausnahme. Dies werden wir dann auch perspektivisch in den weiterführenden Schulen haben. An Schulschließungen führt kein Weg vorbei. Weil wir Schule nicht für Bürgermeister, sondern für die Kinder machen. Nicht wie lange ein Kind zur Schule fährt, ist das Entscheidende, sondern wichtig ist, was es vor Ort für Möglichkeiten gibt. Dennoch werden wir keine Schulwege zulassen, die länger sind als eine Stunde. Das ist nicht zumutbar.

Ist der Schülerrückgang nicht eine Chance. Jeder Lehrer freut sich, wenn er die Physikstunde beispielsweise nicht vor 30 Schülern, sondern vor 15 geben kann.
Sie sprechen ein mutiges Wort gelassen aus. Dieser Schülerrückgang ist bei dem großen Schmerz der Schließung von Schulstandorten auch eine große Chance. Denn nur die besten Schulen werden überleben. Es werden also diejenigen profitieren, die nicht die Hände in den Schoß gelegt haben und gesagt haben, es wird schon alles nicht so schlimm kommen, sondern die ihre Schule attraktiv gemacht haben.

Reicht die Motivation der Lehrerschaft aus, um diese Reformvorhaben zu begleiten?
Ja. Keiner Berufsgruppe ist nach der Wende so viel an Umstellung zugemutet worden wie den Lehrern. Keine Gruppe im öffentlichen Dienst, auch nicht in der privaten Wirtschaft, muss mit Zwangsteilzeit so arbeiten wie die Lehrerinnen und Lehrer. Trotzdem arbeiten viele mit hoher Motivation. Es gibt wie überall aber auch hier schwarze Schafe. Das will ich gar nicht leugnen. Dies wissen die Lehrer und die Schulleiter viel besser noch als ich. Aber es gibt eine überwiegend große Zahl von Lehrern, die auch in schwierigen Zeiten nicht auf ihre Zeit achten und auf ihr Fortkommen, sondern auf die Zeit und das Fortkommen ihrer Schüler.

Das Bildungswesen ist von der Wirtschaft in den letzten Jahren verschiedentlich heftig kritisiert worden. Weil Schüler nicht das mitbringen würden, was sie in den Lehrverhältnissen und später im Beruf brauchen. Wie sichern Sie ab, dass auch die Vorstellungen der Wirtschaft erfüllt werden?
Das wird seit zweieinhalb Jahren erfolgreich im Netzwerk Schule und Wirtschaft gemeinsam organisiert. Aber Sie haben Recht, früher hat die Wirtschaft uns regelmäßig kritisiert. Inzwischen sind Wirtschaft und Kammern dankbar für das, was wir gemeinsam in den letzten fünf Jahren geleistet haben: Benotung von Arbeits- und Sozialverhalten, Praxislernen, viel mehr Zusammenarbeit von Schule und Wirtschaft, ein eigenständiges Fach Wirtschaft, Arbeit und Technik, was ich eingeführt habe. Wir sind da inzwischen auf einem guten Weg.

Mit STEFFEN REICHE sprachen Johann Legner, Christian Taubert
und Klaus Wilke