Neu ist das Thema für die Vereinten Nationen bei Weitem nicht. Schon bei der allerersten Vollversammlung im Jahr 1946 bezeichneten die damals 51 Mitgliedstaaten die Flüchtlingskrise per Resolution als "Problem von sofortiger Dringlichkeit". Ging es damals hauptsächlich um die vom Zweiten Weltkrieg in Europa vertriebenen Menschen, bereiten 70 Jahre später die aus Krisenländern wie Syrien und dem Irak nach Europa strömenden Flüchtlinge den Teilnehmern der UN-Vollversammlung große Sorgen. "Die Bilder der Tausenden von Flüchtlingen an den Küsten und Grenzen Europas verfolgen uns", sagt Jordaniens König Abdullah II., und Frankreichs Präsident François Hollande spricht von einer "Tragödie".

Hilfsorganisationen fehlt Geld

In der vergangenen Nacht stand das Thema bei einem Krisentreffen mit UN-Generalsekretär Ban Ki Moon auf der Tagesordnung. Schon zum Auftakt der Vollversammlung hatte der UN-Chef Europa ausdrücklich dazu gedrängt, in der Krise mehr zu tun. Er beklagte die dramatische Unterfinanzierung der Hilfsorganisationen der Vereinten Nationen angesichts von 60 Millionen Flüchtlingen weltweit. "Der Bedarf stellt das Budget in den Schatten. . . . Das weltweite humanitäre System ist nicht zerbrochen. Es ist pleite", sagte Ban. "Die Welt verschwendet Milliarden für Waffen. Warum ist es einfacher, Geld zur Zerstörung von Menschen und des Planeten zu finden als zu deren Schutz?"

Niemand kommt um das Thema herum, fast in jeder bislang gehaltenen Rede der Vertreter der 193 UN-Mitgliedstaaten sowie der EU, Palästina und dem Vatikan kommt es vor. "In einer Welt, in der Waren, Geld und Daten frei ausgetauscht werden, ist es absurd, den Strom von Menschen aufzuhalten", sagt Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff und fordert Freizügigkeit für alle Menschen. Kubas Präsident Raúl Castro sieht die "sofortige und komplette Verantwortung" an der Krise in Europa, während EU-Ratspräsident Donald Tusk die "globale Dimension" der Krise betont.

Die Nachbarländer Syriens beschweren sich besonders bitterlich. Seit Beginn des Bürgerkriegs trügen sie die Hauptlast, sagt der jordanische König Abdullah II.: "Syrische Flüchtlinge machen inzwischen 20 Prozent der Bevölkerung meines Landes aus." Zu den enormen Kosten, die seinem Land dadurch entstanden seien, habe die internationale Gemeinschaft "nur einen kleinen Teil" beigetragen. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu wies bei einem Gipfel vor Beginn der Vollversammlung darauf hin, dass seit Beginn des Bürgerkriegs 66 000 syrische Kinder - vergleichbar mit der Einwohnerzahl einer Kleinstadt - in seinem Land geboren worden seien. Einig sind sich so gut wie alle Anwesenden im New Yorker Hauptquartier der Vereinten Nationen, dass die Flüchtlingskrise nur gelöst werden kann, wenn ihre Ursachen beseitigt werden - also vor allem die Kriege und Krisen unter anderen in Syrien, dem Irak, Afghanistan und Libyen. Aber das macht das Ganze dann auch wieder ungleich verzwickter - und so scheint eine gewisse Ratlosigkeit durch. Frankreichs Präsident Hollande beispielsweise fordert einen "groß angelegten Plan", Details nennt er keine.

"Wir werden diese Krise lösen"

Vom Flüchtlingstreffen von UN-Chef Ban erwarteten Beobachter dann auch weder konkrete Ergebnisse oder Beschlüsse noch ein Abschlussdokument. Am Mittwoch waren zahlreiche Staats- und Regierungschefs schon wieder abgereist und konnten nur niederrangige Vertreter zu dem Treffen schicken. Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi verbreitete trotzdem Zweckoptimismus: "Europa wurde geboren, um Furcht zu besiegen. Wir haben Kriege und Bürgerkriege hinter uns gelassen und ein europäisches Wunder bewirkt. Jetzt werden wir auch diese Krise lösen."

Zum Thema:
Deutschland und die anderen großen Industrienationen (G7) stocken ihre Hilfen zur Bewältigung der Flüchtlingskrise auf. Bei einem Außenministertreffen am Rande der UN-Vollversammlung in New York kündigten die G7-Staaten zusammen mit weiteren Ländern Hilfen von annähernd 1,9 Milliarden Dollar (etwa 1,7 Milliarden Euro) an. Der zusätzliche deutsche Beitrag beträgt 100 Millionen Euro. Das Geld soll dem Flüchtlingshilfswerk und anderen UN-Organisationen zur Verfügung gestellt werden.Brüssel will für das laufende und das kommende Jahr 1,7 Milliarden Euro zusätzlich bereitstellen. Das schlug die EU-Kommission am Mittwoch in Brüssel vor. Sie folgte damit einer Grundsatzeinigung der Staats- und Regierungschefs von vergangener Woche.