Sind Sie als Vize-Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland zufrieden damit, wie die Bundesregierung sich bislang im Nahost-Konflikt verhalten hat„
Mein Gesamteindruck ist, dass die Bundesregierung sich bisher sachlich, fair und angemessen verhalten hat. Es gibt insgesamt nichts auszusetzen.

Können Sie das begründen“
Die deutsche Diplomatie versucht aus der Äquidistanz zu beiden Seiten, durch ihr gutes Verhältnis sowohl zur arabischen als auch zur israelischen Seite, zu vermitteln. Ich glaube, die Bundesregierung hat durch ihr Auftreten und Vorgehen bislang ihre Glaubwürdigkeit gewahrt.

Sehen Sie in der aktuellen deutschen Nahost-Politik eine Art Kontinuität zwischen der rot-grünen Außenpolitik eines Joschka Fischer und der schwarz-roten Diplomatie eines Frank-Walter Steinmeier„
In der Sache gibt es ohne Frage eine Kontinuität, nicht aber in den Personen. Joschka Fischer hatte sich durch sein persönliches Auftreten und sein Engagement viel Vertrauen in der arabischen Welt und auch in Israel erworben. Das muss Steinmeier sich erst noch erarbeiten. Aber der neue Außenminister ist auf dem besten Wege dahin.

Israels Regierungschef Ehud Olmert hat Ende vergangener Woche gesagt, er wäre sehr glücklich, wenn Deutschland sich an einem möglichen UN-Einsatz im Libanon beteiligen würde. In Deutschland wird darüber sehr strittig diskutiert. Ist es aus Sicht der Juden in Deutschland ein gefährliches Thema“
Ja, ein heikles Thema. Dieser Wunsch Olmerts zeugt aber auch von dem großen Vertrauen, das Israel in das Deutschland unserer Tage hat. Auf der anderen Seite verstehe ich aber auch die Bedenken der deutschen Diplomatie, Soldaten unmittelbar im Kampfgebiet einzusetzen. Ich kann mir aber vorstellen, dass man am Ende zu einem Kompromiss kommt und sagt: Deutsche Soldaten, ja, aber nicht im direkten Einsatz an der Front. Logistik, Versorgung, Organisation, das wären gangbare deutsche Einsatzmöglichkeiten.

Aber warum nicht direkt an der Front„
Es könnte sowohl für die deutsche als auch für die israelische Seite sehr unangenehm werden, wenn deutsche Soldaten in einem militärischen Ernstfall in Konflikt mit israelischen Soldaten gerieten und es Verwundete oder gar Tote gäbe. Das würde bei jenen, die das nationalsozialistische Verbrechen überlebt haben, aber auch bei deren Nachkommen Gefühle auslösen, die besser nicht entstehen sollten.

Was sind denn die Gründe dafür, dass die Bundeswehr heute weltweit und im Nahen Osten ein derart großes Vertrauen genießt, dass deutsche Soldaten überall dort angefordert werden, wo es kriselt“
In der Welt wird anerkannt, dass sich die Demokratie in Deutschland gefestigt hat und die Bundesrepublik sichtbar bemüht ist, aus den Erfahrungen der eigenen Geschichte heraus, ihren Beitrag zu einer friedlicheren Welt zu leisten. Um des Friedens willen - auch das eine Lehre aus der deutschen Geschichte - ist es manchmal unvermeidlich, gegen Diktatoren und Terroristen wirtschaftliche und militärische Stärke zu demonstrieren und sie im äußersten Fall auch anzuwenden.

Wie sieht Ihr Deutschland-Bild heute aus?
Das Bild Deutschlands in der Welt ist insgesamt positiv, gerade auch nach der beeindruckenden Fußball-Weltmeisterschaft. Allerdings sollte man sich darauf nicht ausruhen. Ein Fahnen-Patriotismus oder Party-Patriotismus ist noch kein gefestigter Patriotismus. Das kann nur ein kritischer Patriotismus sein, der immer auch die dunklen Seiten der deutschen Geschichte mit einbezieht. Hoffentlich wird Deutschland auf dem eingeschlagenen Weg, der noch lang und mühsam ist, vorankommen.

Mit SALOMON KORN
sprach Friedhelm Fiedler