Die Fraunhofer-Gesellschaft hat 1992 recht schnell den Schritt in die neuen Länder gemacht. Warum?
Neugebauer Es waren politische, aber auch wirtschaftliche Gründe. Fraunhofer hat früher als andere Wissenschaftsorganisationen erkannt, dass für ein Zusammenwachsen auch ein homogenes Wirtschafts- und soziales Gefüge nötig ist. Der damalige Präsident Max Syrbe stammte aus Leipzig und hatte dadurch eine gewisse Affinität zum Osten. Er schickte Kollegen hin, die Standorte sondierten. Mit der Akademie der Wissenschaften und den Industrieinstituten der DDR - in Chemnitz Werkzeugmaschinenbau, Kunststofftechnik in Dresden, Umformtechnik in Zwickau - gab es eine Basis. Aus dieser Infrastruktur des Ostens hat sich Fraunhofer Teams und Gründungsakteure gesucht, die Institute aufgebaut haben.

Und ein Vierteljahrhundert später, hat es sich gelohnt?
Neugebauer Es war Herausforderung und Chance zugleich, in der Retrospektive überwog die Chance. Die Wissenschaftler hier waren hoch motiviert, bei Fraunhofer eine neue Heimat zu finden. Es ist eine wirklich beispiellose Erfolgsgeschichte im Wissenschaftssystem.

Die Erwartungen haben sich erfüllt?
Neugebauer Sie wurden übertroffen, heute ist der Osten ein ganz entscheidender Teil von Fraunhofer. Bei insgesamt knapp 24 500 Mitarbeitern spielen sich etwa 20 Prozent des Fraunhofer-Lebens hier ab. Es gibt einen Transfer West-Ost, aber auch Ost-West und keinen Unterschied hinsichtlich der wissenschaftlichen Akzeptanz. Wir haben mit 21 Einrichtungen angefangen, darunter acht Institute. Nach zehn Jahren hatte sich die Mitarbeiterzahl von anfangs rund 1000 bereits mehr als verdoppelt. Daraus sind 16 Institute und 26 Außenstellen mit knapp 4500 Mitarbeitern geworden.

Wie ist das Bewusstsein für die Forschung seitens der Politik?
Neugebauer Das kann man nur loben. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland liegen bei rund drei Prozent des Bruttosozialprodukts, die EU-Norm sind 3,5 Prozent. Das schließt F+E-Ausgaben in Wirtschaft und öffentlichem Bereich ein. Im Westen kommen zwei Drittel dieser Ausgaben aus der Wirtschaft und ein Drittel von der öffentlichen Hand, im Osten ist es umgekehrt. Ohne die Fraunhofer-Institute für die industrienahe Forschung, die Max-Planck-Institute für die Grundlagenforschung und die starken Universitäten wäre Ostdeutschland viel weniger zukunftsfähig. Hier war die Politik vorausschauend, hat nicht den Rotstift angesetzt, sondern war und ist offen für Innovation, für Neues. Vor allem in Sachsen.

Mit Reimund Neugebauer sprach Simona Block

Zum Thema:
Reimund Neugebauer ist seit 2012 Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Der Maschinenbau-Ingenieur stammt aus Thüringen, studierte an der TU Dresden, gründete das spätere IWU und war Dekan an der TU Chemnitz.