Herr Lucke, ist die AfD aus Ihrer Sicht für bürgerliche Wähler noch wählbar?
Nein, denn leider wird sie immer fremdenfeindlicher.

Frau Petry bemüht sich noch um einen etwas gemäßigten Kurs. Entgleiten auch ihr jetzt die Zügel im Machtkampf mit Björn Höcke?
Ich sehe keinen Machtkampf. Das ist ein Spiel mit verteilten Rollen. Höcke spricht offen das strammrechte Spektrum an, Petry versucht die letzten Bürgerlichen zu halten. Sie hat ja gesagt, dass sie sich von Höcke nur im Stil unterscheidet, aber inhaltlich fast keine Differenzen hat.

Andererseits ist Petrys Kurs laut den Umfragen erfolgreich.
Ich habe schon bei meinem Abgang davor gewarnt, dass die AfD sich zu einem deutschen Front National entwickeln könnte. Der hat in Frankreich mehr als 20 Prozent. Die Umfragen zur AfD bestätigen diese Befürchtung leider.

Sind Sie im Nachhinein froh, dass Sie aus der von Ihnen gegründeten AfD ausgetreten sind?
Ja, ich bin froh, dass ich raus bin. Ich wollte eine bürgerliche, eurokritische Partei wie jetzt Alfa, nicht eine Partei, die aus der Notlage von Flüchtlingen politisches Kapital schlägt. Der IS und dieser Bürgerkrieg im Nahen Osten sind schrecklich, und dass wir da großzügig helfen und Flüchtlinge aufnehmen, ist richtig. Wohlgemerkt: Großzügig, aber nicht unbegrenzt. Wir müssen Menschlichkeit und Realitätssinn verbinden. Dafür steht Alfa.

Wie wollen Sie denn die Zahl der Flüchtlinge begrenzen?
Wir wollen keine fixe Zahl, sondern eine "atmende" Obergrenze. Der Bund soll die Kosten tragen, und die Kommunen entscheiden, wie viele Menschen sie aufnehmen und integrieren können. Daraus ergibt sich eine bundesweite Obergrenze, die sich neuen Situationen flexibel anpassen kann.

Ihre neue Partei Alfa kommt nicht annähernd an die fünf Prozent heran. Woran liegt das?
Wir bauen die Partei ja noch auf. Bekannt wird man durch Wahlkämpfe. Natürlich sind die äußeren Umstände für Alfa derzeit nicht günstig, weil Themen wie die Eurokrise, die Bildungspolitik, die Nullzinsen oder die Gefährdung der Altersrenten kaum interessieren, solange die Flüchtlingskrise alles überlagert.

Wer Ängste vor Flüchtlingen hat, wird lieber die radikalere AfD wählen als Alfa.
Keineswegs alle. Die AfD will ja sogar auf Flüchtlinge schießen, um den Grenzübertritt zu verhindern. Das muss man sich mal vorstellen. Nein, viele Wähler wollen nicht radikal wählen und suchen eine Partei, die eine vernünftige, realistische Politik vertritt. Die nicht nur einfach Willkommen heißt, sondern auch die Folgeprobleme der Integration bedenkt. Dafür gibt es Alfa. Wir werden unter keinen Umständen mit radikalen Tönen werben wie die AfD. Mit Bernd Lucke

sprach Werner Kolhoff

Zum Thema:
Niedersachsens AfD-Landeschef Armin Paul Hampel wirft Kirchen und Gewerkschaften vor, die Proteste gegen die Alternative für Deutschland finanziell zu unterstützen. "Wir wehren uns gegen diese Art der politischen Auseinandersetzung", sagte Hampel am Sonntag auf dem AfD-Bundesparteitag in Hannover unter Verweis auf beschädigte Parteiräume. "Wir wehren uns vor allem dagegen, dass viele von diesen Gruppierungen nicht solo unterwegs sind, sondern teilweise sogar bezahlt von Gewerkschaften, von den Kirchen sind." Mit dem Erfolg der AfD steige auch der Terror gegen Parteimitglieder und Büros. "Es werden Leute verfolgt, es werden Leute bedroht." Um die bundesweiten Übergriffe gegen AfD-Mitglieder und Parteibüros zusammenzutragen, habe der AfD-Landesverband Niedersachsen eine zentrale Erfassungsstelle gegründet. Hampel rief die Mitglieder auf, dort alle Vorfälle zu melden, damit diese dokumentiert und aufgearbeitet werden könnten.