Bis in die dritte Empore war die insgesamt 1000 Besucher fassende Schinkelkirche besetzt. Vor dem Altar häufte sich eine Fülle von frisch geerntetem Gemüse, Nüssen und Früchten. Junge Mädchen und Frauen in Spreewaldtracht trugen die schlichte Erntekrone mit grünen Schleifen durch das Kirchenschiff nach vorne - erstmals direkt vor die Augen des Bundespräsidenten. Dieser hatte sich gewünscht, das Erntedank-Protokoll etwas zu verändern. Ebenfalls erstmals feierte er in einer Kirche in Brandenburg den Gottesdienst. Die Wahl war auf Straupitz gefallen, weil der Gottedienst hier mit einem Erntedankfest verbunden ist, wie Tobias Scheufele vom Bundespräsidialamt bestätigte.

Mit Liedern und Gebeten begann der Gottesdienst. In der Stille vor Pfarrer Christoph Hankes Predigt hätte man eine Stecknadel fallen hören können, ehe er mit Matthäus 6, 19 bis 23 begann: "Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein."

Hanke verband dies mit der Frage, ob wir unsere eigenen Schätze noch erkennen können, mit Beispielen vom pfarreigenen Kartoffelacker und der Idee, die Welt mit Dankbarkeit zu betrachten. "Das strahlt aus, macht uns frei, lässt uns andere in den Blick nehmen", sagte er. "Wo wir zu dankbaren Menschen werden, wird der himmlische Schatz zu etwas, was die Welt braucht, zu etwas Segensreichem."

Bei Joachim Gauck kam das ebenso gut an wie bei Straupitzer Kirchgängern. "Es war ein Gottesdienst, so wie er sein muss", sagte die 74-jährige Helga Städter. "Ganz natürlich, gar nicht gestellt." Der Bundespräsident formulierte es etwas ausführlicher: "Der Gottesdienst hat uns Wege und Inhalte unseres Lebens gewiesen", sagte er anerkennend. Er habe dazu beigetragen, "die größere Dimension unseres Menschenlebens zu begreifen und nicht nur unser kleines Ich zu sehen." Das Miteinander von Kirchen- und weltlicher Gemeinde in Straupitz lobend, schloss er an: "Ich freue mich über ein Land, dass großherzig und großzügig ist."

Da war er schon mitten in seinem Rundgang über das Erntedankfest, hatte Dutzende von Händen geschüttelt, Komplimente zu seiner Person und Arbeit entgegengenommen, hatte neben Annemarie Schulze (75) am Spinnrad gesessen, Hasen, Enten, Kühe, Kälbchen bewundert, eine Schmalzstulle samt Dessert ("Au ja, einen Plins würde ich essen") und einem brühheißen Kaffee genossen. Gurken-Paule aus Lübben verehrte ihm ein Glas Einleger samt Flyer vom Erzeuger, die Leinöl-Fee drückte ihm ein Fläschchen des Spreewälder Goldes in die Hand, Erntedankfest-Organisatorin Bärbel Scherbatzki scherzte mit ihm und eilte dann weiter, die Dreschflegel-Vorführung vorzubereiten. Julia Joppich (14) hatte eine der begehrten Autogrammkarten von Joachim Gauck bekommen und streifte mit ihrer Freundin Sarah Strauß (13) durch das Flair des Erntedankfestes. Im Gewimmel klickten unzählige Kameras, die Menschen strahlten, verfolgten fasziniert jede Bewegung des Bundespräsidenten.

Dieser bezeichnete seinen Besuch schließlich als "rundum gelungen". Kurz vor der Abfahrt genossen er und Daniela Schadt, zu deren Lieblings-Festtagen der Erntedank gehört, noch einige besinnliche Minuten in der Schinkelkirche. Und dort kamen einmal mehr die Kartoffeln ins Spiel. Ein Korb voller Adretta (mehlig) und Laura (festkochend) aus dem Straupitzer Pfarrgarten dürften möglicherweise bald auf dem Mittagstisch von Schloss Bellevue landen.