Auch Peter Dreißig ist Opfer der zunehmenden Grenzkriminalität. Seine Bäckerei-Filialen seien nach einer Vielzahl von Einbrüchen inzwischen videoüberwacht und mit Sicherheitsdiensten verknüpft. Doch unlängst haben Diebe auf seinem Betriebsgelände in Guben (Spree-Neiße) in großem Stil nachts Diesel gestohlen. Aus mehreren für den nächsten Tag vollgetankten Lieferfahrzeugen seien insgesamt 600 Liter Diesel abgezapft worden. "Die Diebe müssen professionell ausgerüstet gewesen sein", schildert Dreißig, denn das Zeitfenster sei nicht größer als eine Stunde gewesen. Inzwischen hat der Bäckermeister auch im Stammsitz die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt.

Dreißig erlebt damit wie Hunderte Handwerksmeister mit ihren Betrieben, "wie angeschlagen die Sicherheitslage gerade in der Grenzregion ist". Statistisch belegen die Handwerkskammern Cottbus und Dresden die Situation in ihrer vierten gemeinsamen Umfrage zur "Sicherheitslage im grenznahen Raum". Danach sind die Landkreise Spree-Neiße und Görlitz sowie die kreisfreie Stadt Cottbus besonders betroffen. Bei der Vorstellung der Ergebnisse am Dienstag in Dresden betonte der dortige Kammerpräsident Jörg Dittrich: "Die Sicherheitslage trifft den Nerv unserer Betriebe, die keine Hochsicherheitstrakte sein können und wollen." Angst vor Kriminalität sei ein Standortnachteil.

Im Cottbuser Kammerbereich, der 10 300 Betriebe mit rund 50 000 Beschäftigten umfasst, haben 14 Prozent der 1900 angeschriebenen Unternehmen an der Studie teilgenommen. "Damit liegen wir im repräsentativen Bereich", erklärt Manja Bonin, HWK-Abteilungsleiterin Unternehmensberatung, um sogleich auf die immer bedenklicher werdenden Zahlen einzugehen. So habe sich die Stimmung zur gefühlten Sicherheitslage im Vergleich zum Vorjahr über alle Gewerke hinweg eingetrübt. Dazu trage auch die Einschätzung bei, dass 68 Prozent der Betriebe in Südbrandenburg die Präsenz der Polizei für zu gering halten. Im Vorjahr lag der Wert bei 43 Prozent.

Die größten Probleme sehen die Handwerksbetriebe bei Diebstählen und Betriebseinbrüchen. Knapp die Hälfte der Firmen - mehrere davon zehnmal in einem Jahr - waren von Kriminalität betroffen. Insgesamt meldeten 140 geschädigte Unternehmer einen Schaden von 2,17 Millionen Euro. 2013 waren es 1,48 Millionen Euro bei 83 Betroffenen. Von den Gewerken, so Manja Bonin, hätten die Unternehmen des Bau- und Ausbaugewerbes die höchsten Schadenssummen gemeldet.

Um sich gegen kriminelle Delikte in den Grenzregionen zu wehren, gaben 70 Prozent der Befragten an, bereits erste Sicherheitsmaßnahmen ergriffen zu haben. Dazu investierten sie vor allem in die Anschaffung von Alarmanlagen, Sicherheitsschlössern und Wegfahrsperren in den Firmenfahrzeugen. Die größten Investitionen in diesem Bereich meldeten die Cottbuser Unternehmen mit durchschnittlich 11 500 Euro.

Die Ergebnisse der Umfrage in Südbrandenburg decken sich mit denen der Handwerkskammer Dresden. Auch bei den ostsächsischen Betrieben hat sich die gefühlte Sicherheitslage verschlechtert: 40 Prozent schätzen die Situation negativ ein (2013 waren es noch 29 Prozent). Trotz neu initiierter Projekte und Intensivierung der grenzübergreifenden Zusammenarbeit mit polnischen und tschechischen Kollegen hielten 58 Prozent der Befragten die Polizeipräsenz für zu niedrig.

An die Politik gehen von der Handwerkerschaft die Forderungen, mit den EU-Partnern koordinierter gegen internationale Banden vorzugehen.

Zudem müsse die Sicherheitspartnerschaft zwischen Politik, Polizei und Handwerk weiter verstärkt und die Zahl der Richter und Staatsanwälte erhöht werden, um die Leistungsfähigkeit der Justiz zu steigern. "Für die innere Sicherheit ist die Politik verantwortlich.

Wir fühlen uns aber verpflichtet, unsere Mitgliedsbetriebe zu schützen", sagt Knut Deutscher, Hauptgeschäftsführer der Cottbuser Kammer. "Wir werden genau darauf achten, was im neuen Koalitionsvertrag in Potsdam zu diesem Thema vereinbart wird."

Zum Thema:
Deutsche und polnische Polizisten auf Streife: Im dritten Lehrgang 2014 "Im Tandem gegen die Grenzkriminalität" werden im Rahmen des von der EU geförderten Projektes 23 Teilnehmer in 21 deutschen und polnischen Polizeidienststellen gemeinsam ihren Dienst versehen. Die Lehrgangsteilnehmer haben seit 2012 an Anfänger- und Aufbaulehrgängen des Projektes teilgenommen und werden die erworbenen theoretischen Kenntnisse nun in der Praxis weiter vertiefen. Nach zwei Tagen intensiver Auffrischung der Sprachkenntnisse werden die Beamten in gemischten deutsch-polnischen Teams beidseits der Oder arbeiten - Praktika in Brandenburger Dienststellen und bei der polnischen Polizei gehören zum Programm.