Tagelang mussten die Häftlinge auf dem Appellplatz mit schwerem Gepäck über verschiedene Bodenbeläge marschieren. Sie wurden für die deutsche Schuhproduktion auf der "Schuhprüfstrecke" im Konzentrationslager Sachsenhausen geschunden. Viele überlebten das Strafkommando nicht. Später gab es Zwangsarbeit zunehmend in Rüstungs- und Industriebetrieben - und mehr als 100 Außenstellen des KZ entstanden vor allem in Berlin und Brandenburg.

"Viele von ihnen sind im Stadtraum untergegangen, einige sind auch ganz verschwunden", schildert Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Ein neues Lernprogramm soll die Erinnerung wach halten - ermöglicht hat es eine Privatspende.

"Die Schuhprüfstrecke hat uns sehr berührt und beschäftigt", schildert Dorothee Freudenberg. Die 62-Jährige gehört zu den Gesellschaftern des Unternehmens Freudenberg & Co aus dem baden-württembergischen Weinheim. Sie fühlt sich als Erbin verpflichtet. Die Firma war laut Stiftung eine von insgesamt 70, die in Sachsenhausen Häftlinge für sich arbeiten ließen.

"Wir wussten das nicht. Es hat uns zutiefst erschreckt", sagt Freudenberg. Erfahren habe sie davon durch das Buch "Schuh im Nationalsozialismus", in dem Anne Sudrow - Mitarbeiterin des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam - unter anderem die Schuhfabrik und die Prüfstrecke in dem Lager thematisiert hat.

Für Freudenberg und weitere Gesellschafter war dies Anlass für einen privaten Spendenaufruf. Rund 120 000 Euro seien zusammengekommen und in Projekte der Stiftung geflossen. Mithilfe der Gedenkstätte haben die Gesellschafter auch persönlich Kontakt aufgenommen zu fünf Überlebenden der Zwangsarbeit.

Für die Firma waren die Erkenntnisse Anstoß, ihre eigene Geschichte näher zu beleuchten. "Die Unternehmensgeschichte von den 1920er-Jahren bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wird von einem unabhängigen, externen und renommierten Historiker untersucht", berichtet Cornelia Buchta-Noack, Sprecherin der Freudenberg & Co. Die Unternehmensgruppe habe Professor Joachim Scholtyseck von der Bonner Universität beauftragt. "Die Arbeit wird veröffentlicht. Mit einem Abschluss des Projektes rechnen wir aber erst bis Ende 2015", so Buchta-Noack.

Nach Angaben von Stiftungsdirektor Morsch sind die Gesellschafter von Freudenberg die einzigen der damals beteiligten Unternehmen, die sich bislang derart engagieren. "Es ist die größte private Spende, die wir nach meiner Erinnerung bekommen haben", sagt er. Rund 50 000 Euro flossen in das neue Lernprogramm, die restliche Summe sei in ein Projekt des KZ Ravensbrück investiert worden. Unter dem Titel "Häftlingszwangsarbeit für die SS und die Privatwirtschaft" werden in der Gedenkstätte Sachsenhausen 89 Außenlager und Außenkommandos aufgeführt - die meisten finden sich im Raum Berlin-Brandenburg. Durch Anklicken der Symbole lassen sich Informationen und Fotos zu den jeweiligen Stätten aufrufen. "Wir wollen die oft wenig bekannten und mitunter auch vergessenen Orte des SS-Terrors in Erinnerung rufen", erklärt Stiftungsdirektor Morsch.

"Solche Projekte sind sehr wichtig", betont Henry Schwarzbaum. Der heute 93-Jährige war vom KZ Auschwitz zur Zwangsarbeit in das Außenlager bei der Firma Siemens in Berlin-Haselhorst gebracht worden. "Die junge Generation weiß wenig über die Vergangenheit - aber sie ist interessiert", berichtet er von Vorträgen als Zeitzeuge.

Zahlen der Stiftung belegen die Neugier: Mehr als eine halbe Million Besucher besuchten 2013 die Gedenkstätte Sachsenhausen. "Auch in diesem Jahr ist das Interesse ungebrochen", stellt Morsch fest. Häufig sind ausführliche Informationen gefragt: So gab es 2700 Führungen und 350 Projekttage. Aber auch der Einzelne kann sich in den beiden Lernzentren mit jeweils 14 Computern umfassend informieren. Neben dem neuen Lernprogramm gibt es beispielsweise ein digitales Zeitzeugenarchiv und ein Totenbuch mit Namen der Häftlinge des KZ Sachsenhausen von 1936 bis 1945.

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Häftlinge des Konzentrationslager Sachsenhausen mussten Zwangsarbeit leisten. Zunächst wurden sie laut Stiftung Brandenburgischer Gedenkstätten für den Ausbau des Lagerkomplexes oder den Aufbau neuer Lager wie Ravensbrück eingesetzt. Gefürchtet war das Strafkommando "Klinkerwerk" an der Lehnitzschleuse in Oranienburg, das die SS 1938 errichten ließ. Dort sollten Ziegel für Albert Speers teilweise monumentale Bauvorhaben in Berlin produziert werden. Ab 1940 wurden Häftlinge in Berlin zur Entschärfung von Blindgängern eingesetzt. Ein Jahr später verlagerte sich die Zwangsarbeit der KZ-Häftlinge zunehmend in den privatwirtschaftlichen Bereich. Sachsenhausen spielte eine Vorreiterrolle: In Oranienburg wurden ab Herbst 1941 erstmals KZ-Häftlinge zu Arbeiten für die Rüstungsfirmen Heinkel-Flugzeugwerke und Hüttenwerk Kayser herangezogen. In den folgenden Jahren wurden Häftlinge massenhaft in der Rüstungsindustrie eingesetzt, es entstanden mehr als 100 Außenlager und Außenkommandos des KZ Sachsenhausen in der Nähe der Firmen. Dazu gehörten Industriebetriebe wie Siemens, Demag-Panzer, Henschel-Werke, Daimler-Benz, I.G. Farben und AEG.