Schließlich war der Segen, der die Stadt in den vergangenen zwölf Jahren mit schöner Regelmäßigkeit "ereilte", alles andere als selbstverständlich. Und 2006 war sie - die "Altstadtmillion" - schon ausgesprochen zeitig, nämlich Anfang Februar, auf dem städtischen Konto eingegangen. 2007 nun hieß es ein wenig länger warten, hoffen und bangen. Am 6. März endlich konnte der Oberbürgermeister die frohe Botschaft verkünden: "Die 13 ist alles andere als eine Unglückszahl. Der Traum von Görlitz geht weiter!"

Förderung vieler Projekte
Und ein Traum ist es in der Tat für die mit Kulturdenkmälern aus den unterschiedlichsten Epochen reichlich gesegnete Stadt an der Neiße. "Ohne die ‚Altstadtmillion‘ hätten wir in der Stadtsanierung noch lange nicht den Stand erreicht, den wir jetzt vorweisen können", erklärt Michael Vogel. Der Leiter der Unteren Denkmalsschutzbehörde kann sich noch genau an jenen Tag im Jahre 1995 erinnern, als die Nachricht von einer bevorstehenden Riesenspende - damals noch in Höhe von einer Million D-Mark - im Rathaus einging. Quasi als Vorschuss gab es 200 000 D-Mark als Kapital für eine neu zu gründende Altstadtstiftung, deren Kuratorium über die Verteilung des Spendengeldes entscheiden sollte. So ist es bis heute geblieben. Dem Kuratorium gehören der Oberbürgermeister, der zuständige Fachbürgermeister, der Leiter der Denkmalsschutzbehörde, ein sachkundiger Bürger sowie ein Münchner Rechtsanwalt als Vertreter des Spenders an.
Letzterer ist der einzige Kontakt, über den die Fäden zwischen der Stadt und ihrem Wohltäter laufen. "Niemand in der Stadt kennt die Identität unseres Millionenspenders", betont Michael Vogel. Dies sei sein erklärter Wille. Die Geheimhaltung um die Person des Wohltäters gehört untrennbar zum Mythos der "Altstadtmillion", sie hat bislang perfekt funktioniert, und im Rathaus will auch niemand, dass sich daran etwas ändert. "Sollte einmal irgendjemand den Schleier lüften, dann versiegt der Spendenstrom", sagt der Leiter der Denkmalschutzbehörde. Bereits in der Vergangenheit hatte der anonyme Spender unmissverständlich über seinen Anwalt ausrichten lassen, dass er keine Spekulationen über seine Identität wünsche. "Dies müssen wir selbstverständlich akzeptieren", betont Michael Vogel.
Ihm und seinen Kuratoriumskollegen obliegt es, bei der Verteilung des Spendengeldes möglichst viele Interessen unter einen Hut zu bekommen. "In diesem Jahr liegen uns etwa 70 Anträge vor und deren Gesamtsumme übersteigt natürlich die zur Verfügung stehenden Mittel bei Weitem", erklärt Vogel. Das Kuratorium geht nach der Prämisse vor, möglichst viele Projekte zu fördern, auch wenn dann für die einzelnen Bauherren nur noch kleinere Summen bleiben. Insgesamt konnten seit 1995 mithilfe der Altstadtmillionen 450 einzelne Bauvorhaben unterstützt werden.
Auch die berühmten und kulturhistorisch bedeutsamen Grufthäuser auf dem Nikolaifriedhof verdanken der "Altstadtmillion" ihren ansehnlichen Zustand, ganz zu schweigen vom Schönhof, dem wohl bedeutendsten Renaissancegebäude der Stadt am Untermarkt, der nunmehr das Schlesische Museum beherbergt.

Preis für den Wohltäter
Unter den vielen Jahren, in denen Görlitz nunmehr schon regelmäßig seine jährliche Million bekommt, gab es auch ein ganz besonderes. Nämlich 2005, als es lange Zeit auf der Kippe stand, ob der geheimnisvolle Spender anonym bleibt oder nicht. Schuld daran hatte das Preiskomitee des international renommierten Rotondi Award, das ausgerechnet den unbekannten Wohltäter der Stadt Görlitz auszeichnen wollte. Doch selbst aus dieser Situation ging das kleine, feine Geheimnis unbeschädigt hervor: Stellvertretend nahm der damalige Oberbürgermeister Prof. Rolf Karbaum den Preis für "Anonimo", wie ihn das Komitee nannte, entgegen.
Trotz der Kontinuität ist die alljährliche Millionenspende für Görlitz immer wieder aufs neue ein wunderbares Geschenk. "Ich gehe jedes Mal davon aus, dass es die letzte Spende ist, und freue mich dann beim nächsten Mal um so mehr", verrät Michael Vogel.