Im Morgengrauen bezogen die ersten Soldaten in der Provinz Helmand Stellung. Kurz darauf verkündete die Isaf den Beginn ihrer "Operation Achilles" - die Frühjahrsoffensive gegen die wieder erstarkten Taliban ist angerollt. Die Nato und die Internationale Gemeinschaft stehen unter enormem Druck, Afghanistans Abgleiten ins Chaos zu stoppen. Isaf-Soldaten - Briten, Kanadier, Amerikaner und Niederländer - und afghanische Sicherheitskräfte sollen dafür ins Feld geführt werden. Afghanistan stehen gewaltsame Zeiten bevor.

Kein Kampf auf offenem Feld
Die Taliban reagierten mit Hohn auf die "Operation Achilles". "Wir haben mehr als 10 000 bewaffnete Mudschaheddin in Helmand und der Nachbarprovinz Kandahar", sagte Rebellensprecher Kari Mohammad Yousif Ahmadi. "Es ist eine gute Nachricht, dass die Soldaten aus ihren Militärbasen kommen werden. Das macht die Arbeit für unsere Mudschaheddin einfacher." Experten rechnen vor allem mit Selbstmordanschlägen. "Die Taliban sind doch nicht so blöd und stellen sich der Nato auf offenem Feld", sagt ein Beobachter. "Die greifen zu dem, was sie können. Das ist deren Offensive."

Dadullah für Grausamkeit bekannt
Der Gegner der Nato heißt Mullah Dadullah. Kürzlich erst sagte der einbeinige "Militärchef" der Taliban, zahllose Selbstmordattentäter stünden bereit. Der Andrang sei so groß, dass Hunderte auf einer "Warteliste" stünden. Mullah Dadullah ist für seine Grausamkeit bekannt. Bei einem Massaker an Zivilisten während des Taliban-Regimes 1998 soll er so brutal vorgegangen sein, dass ihn Taliban-Chef Mullah Omar - der selber nicht als zimperlich gilt - vorübergehend des Kommandos enthob. Mullah Dadullah, so berichtete das US-Magazin "Newsweek", kehrte im vergangenen Jahr aus dem pakistanischen Exil nach Afghanistan zurück und operierte dann vor allem in Helmand.
Unter seinem Kommando bewiesen die Taliban im Sommer, dass sie alles andere als leicht zu besiegen sind - die Nato unterschätzte die Rebellen und musste bitterlich dafür zahlen. Die Briten haben in Helmand fast 40 Soldaten verloren, seit ihre Truppen dort vor gut neun Monaten stationiert wurden. Deutschland, das Forderungen aus der Nato nach Entsendung von Kampfeinheiten in den Süden bislang ablehnt, hat 18 Tote zu beklagen - in mehr als fünf Jahren Einsatz. Eine Ahnung der Verluste, die der Isaf bei der "Operation Achilles" drohen könnten, gab es wenige Stunden nach Beginn der Offensive: Die Nato meldete noch gestern ihren ersten Toten bei den Kämpfen.
Trotz aller bisherigen Offensiven der Isaf und der US-geführten Koalitionstruppen haben sich die Taliban neu formiert, und sie sind selbstbewusster als je zuvor - ihnen ist es gelungen, den Süden fast völlig zu destabilisieren. Ein hoher Nato-General nennt die Situation dort "prekär", andere finden pessimistischere Worte für die Lage. Der General dämpft Hoffnungen, die Operation werde tatsächlich die Achillesferse der Rebellen treffen und deren Ende heraufbeschwören. "Man sollte nicht erwarten, dass Achilles nun zu einem durchschlagenden Erfolg führt und anschließend Ruhe im Land herrscht", sagte er. "Wir brauchen einen langen Atem."
Ziel der Nato ist es, die Sicherheitslage in den Krisenregionen durch den Einsatz von Gewalt so weit zu verbessern, dass dort Wiederaufbau und wirtschaftliche Entwicklung möglich sind. So sollen die "Herzen und Köpfe" zurückgewonnen werden, in denen in den vergangenen Tagen durch zahlreiche zivile Opfer bei Militäreinsätzen eher Hass gesät wurde. Ob die Strategie der Nato aufgeht, halten Experten für fraglich. "Sie wird das Gegenteil von dem erreichen, was sie erreichen will", sagt ein westlicher Entwicklungshelfer mit engen Kontakten in den Süden. "Sie wird Unsicherheit produzieren."

Herzen und Köpfe nicht erreicht
Der Entwicklungshelfer fürchtet, dass wieder etliche Menschen in den Kampfgebieten aus ihren Dörfern vertrieben werden und die Stimmung gegen die ausländischen Truppen weiter kippt. "Man erreicht die Herzen und Köpfe nicht, indem man mit Panzern und Hubschraubern kommt, jedenfalls nicht in Afghanistan", sagt er. Die Nato möge bei ihrer Offensive zwar Aufständische töten. "Aber es werden Tausende neuer geschaffen werden."