Als einer der zentralen Zeugen wurde gestern Kanzleramtschef Thomas de Maizière (CDU) in Dresden vernommen. Der hatte seinerzeit als Landesinnenminister verfügt, dass der Verfassungsschutz die Verdachtsmomente weiter recherchieren solle - und er verteidigte vehement seine damalige Entscheidung. Es sei seine "verdammte Pflicht und Schuldigkeit" gewesen, so de Maizière, die Vorgänge aufklären zu lassen. Der Geheimdienst müsse ja gerade feststellten, ob die Vorwürfe berechtigt seien oder nicht. "Den OK-Komplexen lag eine für mich absolut plausible und aus den Unterlagen nachvollziehbare Begründung vor", argumentierte die rechte Hand von Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Auf dieser Basis habe es "keine andere Alternative" gegeben. Dies sei "rechtlich möglich und aus Gründen der Sicherheit des Freistaates politisch geboten" gewesen. Es sei schließlich um Erkenntnisse gegangen, die eine Gefährdung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung erwarten lassen konnten - wobei sich die Ermittlungen noch im Anfangsstadium befunden hätten. Hätte er jedoch die Recherchen der Verfassungsschützer gestoppt, so de Maizière, "wäre mir ohne Zweifel - und das mit Recht - der Versuch der Verschleierung oder gar Deckung dieser Sachverhalte ausgelegt worden". Auch die Parlamentarische Kontrollkommission habe nach genauem Studium der 15 000 Blatt Verfassungsschutz-Akten seine Entscheidung voll bestätigt. Einstellung ohne ErgebnisNach dem Erscheinen der Skandalberichte hatte die Dresdner Staatsanwaltschaft zig Fälle neu aufgerollt. Im April 2008 stellten die Ermittler ihre Arbeit jedoch ergebnislos ein: Die Vorwürfe unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger und Strafvereitelung im Amt hätten sich als "haltlose Behauptungen" erwiesen, ließ der damalige Leiter der Staatsanwaltschaft wissen. "Ein kriminelles Netzwerk existiert nicht." Die alten Hinweisgeber seien nicht in der Lage, ihre Anschuldigungen zu bestätigen. Den Behauptungen habe "eine Verschwörungstheorie zu Grunde" gelegen. Die Fakten seien "manipuliert" und die Quellen "vergiftet, hieß es zuvor aus dem Verfassungsschutz - es sei wie ein Teebeutel, den man zweimal aufgieße. Nicht einfache SachlageFührende Staatsanwälte und Regierungspolitiker moderierten die Geschichte zugleich als "heiße Luft" ab. Doch ganz so einfach liegt die politisch höchst unangenehme Sache offenbar nicht, nachdem mehrere Zeugen die Lesart von den aufgebauschten Akten ins Wanken brachten. So bestreitet eine der Schlüsselfiguren - der Leipziger OK-Ermittler Georg Wehling - die Hauptquelle des Nachrichtendienstes gewesen zu sein. Vielmehr sei ihm damals ein detaillierter Katalog "mit Erkenntnissen aus dem Nahbereich der OK" vorgelegt worden. Dies bestätigte auch ein ehemaliger Abteilungsleiter beim Verfassungsschutz: "Es gab andere Quellen und Hinweisgeber." Zuletzt wies zudem die zweite Schlüsselfigur, die einst leitende Verfassungsschutz-Ermittlerin Simone Henneck, den Vorwurf einer "Akten-Parallelwelt" von sich. Sie habe ein Dossier mit konkreten Anhaltspunkten und Beweismitteln vorgelegt. Das Material sei weder gefälscht noch manipuliert, betonte die ehemalige Staatsanwältin. Für de Maizière ist zwar aus heutiger Sicht der Begriff vom "Sachsen-Sumpf" nicht mehr die richtige Bezeichnung. Die Intensität einer bestimmten Kriminalität, die sich vor allen in Leipzig abspiele, mache ihm aber nach wie vor Sorgen. Heute nun muss sich de Maizières Nachfolger, Innenminister Albrecht Buttolo (CDU), vorm Ausschuss erklären.