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800 000 Kinder in Nigeria auf der Flucht

Abuja. Vergewaltigungen, Zwangsheiraten, Steinigungen und Entführungen: Ein Unicef-Bericht zeigt die Grausamkeit der Terrorgruppe Boko Haram. Demnach sind rund 800 000 Kinder auf der Flucht. dpa/bl dpa/bl

Wegen des Konflikts mit der islamistischen Terrororganisation Boko Haram sind im afrikanischen Nigeria 800 000 Kinder auf der Flucht. Das geht aus einem am Montag veröffentlichen Bericht des UN-Kinderhilfswerks Unicef hervor. Die Zahl der Kinder, die vor der Gewalt im Nordosten in andere Landesteile oder in die Nachbarstaaten Kamerun, Tschad und Niger geflohen sind, hat sich demnach innerhalb eines Jahres verdoppelt.

Der neue Unicef-Bericht wurde ein Jahr nach der Entführung von mehr als 200 überwiegend christlichen Schülerinnen aus dem Ort Chibok durch Boko Haram veröffentlicht. Die Mädchen, die in der Nacht vom 14. auf den 15. April 2014 verschleppt worden waren, wurden bislang nicht gefunden. Einer Augenzeugin zufolge wurden die meisten Mädchen zum Übertritt zum Islam gezwungen und zwangsverheiratet. Sie habe die Mädchen aus Chibok Ende des vergangenen Jahres in einer Koran-Schule in der nordöstlichen Stadt Gwoza getroffen, sagte Liatu Andrawus.

Die 23-Jährige war nach eigenen Angaben selbst mehrere Monate in der Gewalt der Islamisten und musste einen der sunnitischen Kämpfer heiraten. Später gelang ihr die Flucht. Andrawus ist die erste bekannte Zeugin, die Informationen zum Schicksal der am 14. April entführten Mädchen geben konnte.

Unicef warnte, dass der Fall der Mädchen aus Chibok, der weltweit für Entsetzen sorgte, nur die Spitze des Eisbergs "zahlloser Tragödien" sei. Westafrika-Direktor Manuel Fontaine sagte: "Zahllose Mädchen und Jungen sind in Nigeria verschwunden - sie wurden entführt, von bewaffneten Gruppen angeworben, angegriffen . . . oder gezwungen, vor der Gewalt zu fliehen."

Boko Haram kämpft im Nordosten Nigerias für die Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Seit 2009 sind dem Terror der Gruppe Schätzungen zufolge bereits mehr als 14 000 Menschen zum Opfer gefallen. Insgesamt sind mehr als 1,5 Millionen Menschen auf der Flucht vor der Gewalt. Die nigerianischen Streitkräfte, flankiert von Truppen aus dem Tschad, Niger und Kamerun, haben zuletzt mehrere Erfolge im Kampf gegen Boko Haram vermeldet, doch viele Geiseln sind weiterhin verschollen.

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