„Wir müssen wieder verfressener
nach Toren werden“
 FCE-Trainer Petrik Sander


Wenn das Tor wieder einmal wie vernagelt zu sein scheint, erzählen sie sich bei Energie Cottbus gern die Leidensgeschichte des Toralf Konetzke. Diese Geschichte ist zwar schon etwas älter, aber ihr kurioses Happy-End nach wie vor aktuell. Und diese Geschichte geht in etwa so: Es war einmal ein Torjäger. Dieser Torjäger wurde jedoch mehr und mehr zum Torjäger a.D., weil ihn eines Tages die mysteriöse Krankheit namens Ladehemmung befiel. So wie das fast allen Torjägern irgendwann mal passiert. Konetzke, der 1997 am Zweitliga-Aufstieg und dem Einzug in das DFB-Pokalfinale beteiligt war, traf einfach das Tor nicht mehr. Zwischenzeitlich musste er sogar in der zweiten Mannschaft spielen, um sich Selbstvertrauen zu holen. Aber auch das half nicht viel. Von einem Tag auf den anderen passierte dann jedoch das Unglaubliche. „Er hat irgendwo von der Mittellinie aus in Richtung Eckfahne geschossen“ , erinnert sich Trainer Sander. Der Ball sei jedoch nicht in Richtung Eckfahne geflogen, sondern traf einen gegnerischen Verteidiger am Hinterkopf. Vielleicht war es auch der Rücken. Ganz genau weiß man das nicht mehr. Jedenfalls, so berichtet Sander, „lag der Ball plötzlich im Tor. Und seit diesem Tor hat Konetzke wieder getroffen.“

Auf Konetzkes Spuren
Dass Sander diese Geschichte gerade jetzt vor der Partie gegen Nürnberg erzählt, ist natürlich kein Zufall. Denn auch seine Spieler wandeln derzeit auf Konetzkes Spuren. In der laufenden Spielzeit durfte Energie erst einmal jubeln. Den Treffer erzielte Ervin Skela bei der 1:2-Heimniederlage gegen Bochum. Ähnlich torarm präsentiert sich nach drei Spieltagen nur der FC Hansa Rostock.
Bei der Ursachenforschung stößt man schnell auf die Namen Sergiu Radu und Vlad Munteanu. Das rumänische Duo erzielte in der vergangenen Saison 25 der 37 Cottbuser Tore und überdeckte mit dieser tollen Quote die Abschlussschwäche der anderen Spieler. In der internen Torschützenliste folgten Steffen Baumgart, Vragel da Silva, Daniel Gunkel, Jiayi Shao und Francis Kioyo - alle jedoch mit nur zwei Treffern. Das Pro blem: Radu und Munteanu gehen inzwischen für den VfL Wolfsburg auf Torejagd. Die Lücke, die sie hinterlassen haben, konnte bislang nicht geschlossen werden. Das Fachmagazin „Kicker“ kommt in seiner Analyse zu dem Schluss: „Die Zielstrebigkeit zum Tor fehlt. Jene Zielstrebigkeit, die einen Radu und Munteanu ausmachten.“
Trainer Petrik Sander hält nichts davon, den beiden überragenden Offensivspielern der vergangenen Saison nachzutrauern. In der Sache kommt er jedoch zu einem ähnlichen Ergebnis. Bei der jüngsten 0:3-Niederlage in Dortmund habe Energie in den ersten 30 Minuten insgesamt 14 Kontermöglichkeiten gehabt. „Von diesen 14 Kontern haben wir nur einmal aufs Tor geschossen“ , analysiert Sander und stellt die rhetorische Frage: „Wenn ich nicht versuche, aufs Tor zu schießen, wie soll ich dann ein Tor erzielen„“ Nur schön am Strafraum rumzuspielen wie eine Handball-Mannschaft reiche nicht aus.
Mit ähnlichen Pro blemen kämpfte Energie gegen Bochum. Auch hier sah das Spiel gefällig aus - aber eben nur bis zum Strafraum. Statt aufs Tor zu schießen, wurde der Ball lieber noch einmal quer zum Mitspieler gelegt. Lag es an der fehlenden „Verfressenheit“ (Sander), selbst Tore zu erzielen“ Fehlt das Selbstvertrauen„ Wird die Verantwortung abgewälzt“ „Das ist eine schwierige Geschichte. Die Ursachen sind von Spieler zu Spieler unterschiedlich“ , betont Sander.
Im Training standen in dieser Woche vor allem Abschlusshandlungen auf dem Programm. Immer und immer wieder flogen die Bälle in Richtung Tor. Auch Manager Steffen Heidrich kennt das Problem der Ladehemmung aus seiner aktiven Karriere: „Wichtig ist in einer solchen Situation, dass man sich ein Erfolgserlebnis schafft. Man muss es mit unbedingtem Willen erzwingen. Dabei ist es egal, ob der Ball mit dem Knie oder mit dem Hinterkopf über die Linie gedrückt wird.“

Nürnberger gesucht
Oder eben mit Hilfe des Gegners. So gesehen, muss sich heute nur noch ein FCE-Profi finden, der in die Rolle des Konetzke schlüpft. Und natürlich ein Nürnberger, der seinen Hinterkopf hinhält.

Zur Sache Bangen um Kioyo
Energie bangt um den Einsatz von Stürmer Francis Kioyo heute gegen Nürnberg. Er verletzte sich gestern beim Abschlusstraining am Oberschenkel. „Wir müssen abwarten, wie sich die Verletzung über Nacht ent wickelt. Auf alle Fälle steht ein Fragezeichen hinter seinem Einsatz“ , sagte Trainer Petrik Sander am Abend.