Die Bedürfnisse waren noch andere, als Franz-Josef Wuermeling 1954 das Wort im Bundestag ergriff. Der damalige Bundesminister für Familienfragen beklagte, dass Familien mit vielen Kindern gerade so über die Runden kämen. Sie könnten das eigentlich nur, "weil die Kinder kein Obst und oft kein Gemüse, vielleicht nicht einmal satt zu essen bekommen, weil sich der Vater keinen Tabak und die Mutter keinen Bohnenkaffee leistet". Wuermeling wollte das ändern. Nach heftiger Debatte rang sich der Bundestag mit knapper Mehrheit zu einem neuen Fördermittel für Familien in West-Deutschland durch: Er beschloss die Einführung des Kindergeldes.

Anfangs 25 Deutsche Mark

Das war am 14. Oktober 1954 - vor 60 Jahren. Das Kindergeld gibt es 2014 immer noch, allerdings in ganz anderer Form. Zu Beginn wurde es erst ab dem dritten Kind gezahlt - und bestand aus dem heute vergleichsweise mickrig erscheinenden Betrag von 25 Deutschen Mark. Wuermeling rechnete es den Abgeordneten damals in Bonn direkt mal vor: Für fünf Kinder sollte es 75 DM geben.

Das Gesellschaftsbild sah im Nachkriegs-Deutschland noch vor, dass eine Familie vom Lohn des Vaters leben können müsse. War das wegen der Kinder schwer möglich, sollte nach dieser Logik der Arbeitgeber helfen. Sukzessive wurde erst 1964 das System umgekrempelt - ab dann zahlte komplett der Bund. Ganz unbekannt war das Fördermittel allerdings auch 1954 nicht.

"Wenn man die Urzelle des Kindergeldes sucht, kommt man an den sogenannten Kinderbeihilfen der Nationalsozialisten nicht vorbei. Diese wurden ab 1936 ab dem fünften Kind gezahlt, von 1938 an ab dem dritten", sagt der Sozialwissenschaftler Stefan Sell von der Hochschule Koblenz. Die Nazis hätten damals eine Doppelstrategie verfolgt: Familien in Not zu helfen und Kinderreichtum zu fördern - natürlich nur solchen, der den rassistischen Vorstellungen entsprach.

Heute ist das Kindergeld eines der größten Förderinstrumente der Familienpolitik. Zuletzt kostete es rund 38 Milliarden Euro, gezahlt für etwa 17,2 Millionen Kinder. Seit seiner Einführung war es immer wieder Gegenstand politischer Debatten - weil sich von Beginn an unterschiedliche Argumentationsstränge kreuzten. Die einen sehen in ihm den Versuch, ein Armutsrisiko abzufedern. Andere ein Lockmittel des Staates, Kinder zu bekommen - eine Art Gebärprämie. Je nach Sichtweise wird sein Nutzen auch in Studien unterschiedlich bewertet.

Mit der Gießkanne verteilt

"Letztendlich handelt es sich um einen pauschalen Kostenausgleich, der mit der Gießkanne verteilt wird", stellt der Sozialforscher Klaus Hurrelmann von der Berliner Hertie School of Governance fest. Momentan werden für das erste und zweite Kind monatlich 184 Euro, für das dritte Kind 190 Euro und ab dem vierten 215 Euro gezahlt. Zudem gibt es Kinderfreibeträge bei der Steuer.

"Kinder haben mehr Bedürfnisse, als nur nicht in Armut zu leben", kritisiert Hurrelmann. Statt über eine Erhöhung zu diskutieren, sollte aus seiner Sicht mehr in direktere Fördermittel investiert werden - etwa in den weiteren Bau von Krippen und Kitas. Diese Sichtweise setze sich in Deutschland erst langsam durch, sagt die Politikwissenschaftlerin Irene Gerlach von der Evangelischen Fachhochschule in Bochum. "Die klassische Sicht war: Die Familie richtet es, der Staat erkennt es an. Das ist in Deutschland historisch gewachsen."

Dem heutigen System werden allerdings auch andere Makel angekreidet. Über die Regelungen bei den Freibeträgen bekommen wohlhabende Familien unterm Strich oft mehr raus als Familien aus den unteren Einkommensklassen. Kritiker sprechen von Kindern zweiter Klasse.

Ein Teil der Familie

Für die Idee, das System ganz zu kippen, sehen Experten aber derzeit keine Mehrheit. Der Sozialforscher Sell formuliert es so: "Die Deutschen haben das Kindergeld liebgewonnen." Man könnte auch sagen, es ist Teil der Familie geworden.