Dan Toole hat schon viel Leid gesehen. Zum Beispiel in den asiatischen Ländern, in denen 2004 durch den Tsunami über 200 000 Menschen ums Leben kamen. Toole ist Leiter des Unicef-Nothilfeprogramms. Seine Aufgabe ist es, sich für das Kinderhilfswerk ein Bild zu machen von der jeweiligen Lage in den Krisenregionen dieser Welt. Doch auch der erfahrene Aktivist stößt immer wieder an seine persönlichen Grenzen: "Das war für mich eine der schlimmsten Reisen bisher", lautete gestern in Berlin sein Fazit unmittelbar nach seiner Rückkehr aus dem Libanon.
In den Dörfern nahe der Grenze zu Israel seien drei Viertel der Menschen inzwischen geflohen. Insgesamt sind laut Toole eine Million auf der Flucht. Aufgrund zerstörter Straßen sei es allerdings schwierig, das Gebiet überhaupt noch zu verlassen. Wer zurückbleibe, der sei von der Außenwelt abgeschnitten, es gebe keinen Strom, kaum sauberes Wasser, nur noch wenige Medikamente und Lebensmittel. Inzwischen gehe die Angst vor Epidemien um. Angesichts des Blutbades in der libanesischen Ortschaft Kana beklagte Dietrich Garlichs, Geschäftsführer von Unicef Deutschland, dass seit Beginn des Gewaltausbruchs vor drei Wochen "mehr Kinder in dem Konflikt getötet oder verletzt worden sind als Soldaten oder Kämpfer". Schätzungsweise ein Drittel der 620 Toten und 3200 Verletzten im Libanon seien Minderjährige. "Kinder dürfen niemals zu Geiseln militärischer oder politi scher Ziele werden", forderte Toole. Es sei unerträglich, dass ihr Tod von den Konfliktparteien in Kauf genommen werde.
Angst und Elend gibt es jedoch auf beiden Seiten. Der Nothilfe-Koordinator wies auch auf die Todesopfer durch Hisbollah-Raketen im Norden Israels hin. "Auch dort leiden Hunderttausende", sagte er. "Die Bomben auf Israel und die Angriffe auf den Libanon müssen aufhören." Unicef fordert eine sofortigen Stopp der Kampfhandlungen und für mindestens 72 Stunden den Zugang zu allen Gebieten, um die Zivilbevölkerung zu versorgen. Die Internationale Gemeinschaft habe bislang versagt, weil sie die Gewalt nicht beenden könne oder wolle, kritisierte Toole. Immer wieder seien trotz grundsätzlicher Zusagen Hilfskonvois verschoben worden. Gleichzeitig erinnerte der Koordinator an eine weitere militärische Front, die in Vergessenheit gerate: Auch der Gaza-Streifen erlebe derzeit eine "humanitäre Katastrophe". Die Gewalt habe dort zugenommen, allein im Juli seien mindestens 35 tote Kinder zu bek lagen gewesen. "Die medizinische Versorgung kollabiert", berichtete Toole von seinen Eindrücken. Mehr Gewalt und mehr Bomben führten aber nur zu mehr Hass und noch mehr Gewalt.
Garlichs beklagte den bislang "sehr spärlichen" Spendenfluss. In den kommenden drei Monaten benötigt Unicef nach eigenen Angaben 20 Millionen Euro für die Versorgung der betroffenen Bevölkerung. An eigenen Mitteln stünden vier Millionen Euro bereit. Vor allem gehe es darum, die Menschen mit sauberem Wasser und Basismedikamenten auszustatten. Darüber hinaus müsse man den vielen traumatisierten Kindern helfen. In den zahlreichen Notunterkünften im Großraum Beirut verteile Unicef zudem bereits Seife, Windeln und Küchengeschirr an die Flüchtlinge sowie Spielsachen an die Kinder.