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| 02:43 Uhr

70 Jahre Freiheit

Kaum ein Wort wird so häufig für die Beschreibung des Holocaust verwendet wie Auschwitz. Der Name des Vernichtungslagers steht für millionenfaches Leid – und wird im politischen Kampf missbraucht.
Kaum ein Wort wird so häufig für die Beschreibung des Holocaust verwendet wie Auschwitz. Der Name des Vernichtungslagers steht für millionenfaches Leid – und wird im politischen Kampf missbraucht. FOTO: dpa
Oswiecim. Wenn am heutigen 27. Januar der Befreiung vor Auschwitz im ehemaligen deutschen Todeslager der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird, sollen die Politiker schweigen. Sieben Jahrzehnte nach ihrer Befreiung haben die Überlebenden das Wort. Eva Krafczyk

Noah Klieger hat einen Tiefpunkt der Menschheitsgeschichte erlebt - und überlebt: Auschwitz-Birkenau, das größte der nationalsozialistischen Vernichtungslager, den Todesmarsch, auf dem mindestens 9000 Häftlinge nur Tage vor der Befreiung von Auschwitz entlang der Landstraße starben. Am heutigen Dienstag kehrt Klieger nach Auschwitz zurück, zusammen mit 300 anderen ehemaligen Häftlingen, als Leiter einer Gruppe Überlebender aus Israel. Es ist der 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, seit 2005 internationaler Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

Als Soldaten der Roten Armee am 27. Januar 1945 Auschwitz befreiten, fanden sie dort noch etwa 7000 Häftlinge, darunter auch Kinder. Die SS-Wachen hatten diese kranken und völlig entkräfteten Häftlinge zurückgelassen, als sie gut eine Woche zuvor mit etwa 56 000 Häftlingen aus Auschwitz und den umliegenden Nebenlagern Richtung Westen aufbrachen. Die Gaskammern und Krematorien waren zu diesem Zeitpunkt bereits zerstört - es sollten keine Spuren der deutschen Verbrechen hinterlassen werden .

Doch die Befreier fanden nicht nur die Überlebenden, die von der Hölle berichten konnten, durch die sie gegangen waren, sie fanden die Leichen der kurz vor dem Aufbruch der SS ermordeten Häftlinge, die Asche der Ermordeten in den Ruinen, den Inhalt der Lagerhäuser mit der Habe der Opfer: rund 350 000 Männeranzüge, mehr als 800 000 Frauenkleider, Zehntausende Paare von Schuhen. Ebenso wie die Listen der Lagerbürokratie mit den Nummern der Häftlinge ließen die Kleider der Toten eine Ahnung vom Ausmaß des Massenmordes aufkommen.

Wie viele Menschen in Auschwitz-Birkenau, dem größten der deutschen Vernichtungslager, ermordet wurden, lässt sich vielleicht nie genau feststellen. Tausende waren von den Deportationszügen direkt in die Gaskammern geschickt worden, ohne je mit einer Lagernummer registriert worden zu sein.

Fest steht, das mindestens 1,1 Millionen Menschen in Auschwitz vergast, zu Tode geprügelt, erschossen wurden, an Krankheiten und Hunger starben. Die Zahl der Opfer könnte noch höher sein. Für die Überlebenden, für die jüdische Gemeinschaft ist Auschwitz der größte jüdische Friedhof der Welt, ein Friedhof ohne Gräber, in dessen Erde bis heute immer wieder Asche und Knochenreste an die Oberfläche kommen.

Für viele derjenigen, die überlebt hatten, war die Erfahrung des tausendfachen Todes um sie herum eine Verpflichtung, immer wieder an diejenigen zu erinnern, die den Tag der Befreiung nicht erlebt hatten. Und auch Auschwitz sollte, so forderten die Überlebenden, nicht etwa abgerissen werden, sondern als Mahnmal dienen.

Noah Klieger ist immer wieder zurück gekommen, trotzte den Erinnerungen, sprach mit Jugendlichen und Politikern über das Erlebte. Vor einem Jahr, am 69. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, sprach er vor Abgeordneten der israelischen Knesset in Auschwitz: "Wir alle waren wie Schatten, nicht länger lebende Wesen."

Die Zahl der Überlebenden ist klein geworden in den 70 Jahren seit der Befreiung. Auf der Gedenkfeier sollen sie im Mittelpunkt stehen, sollen ihre Stimmen gehört werden. Politische Ansprachen sind nicht vorgesehen, anders als vor zehn Jahren, als offiziell die Präsidenten Polens, Russlands und Israels das Wort hatten .

Aus fast 40 Staaten kommen dennoch Staats- oder Regierungschefs, Außenminister oder Parlamentspräsidenten, um in Auschwitz zu gedenken. Doch der höchste Repräsentant des Landes des Befreier von Auschwitz fehlt: Russlands Präsident Wladimir Putin habe keine Einladung erhalten und werde sich daher durch seinen Botschafter vertreten lassen, kündigte ein Kreml-Sprecher an und löste damit mediale Aufregung aus.

Dabei hatten zuvor bereits sowohl die polnische Botschaft in Moskau als auch die Gedenkstätte darauf hingewiesen, dass die Gedenkfeier nicht von der Warschauer Regierung, sondern der Gedenkstätte organisiert werde und es jedem frei gestellt sei, zu kommen. Offizielle Einladungen habe Polen an niemanden verschickt.

Zum Thema:
Die KZ-Gedenkstätte Buchenwald will der Alternative für Deutschland (AfD) nicht genehmigen, zum Holocaust-Gedenken einen Kranz mit einem bestimmten Schriftzug niederzulegen. Ursache ist die von der AfD gewünschte Inschrift des Kranzes, die sich an alle "Opfer des Konzentrations- und Speziallagers Buchenwald" richten soll. Damit wären nicht nur Häftlinge der Nationalsozialisten, sondern auch nach dem Krieg internierte NS-Verbrecher eingeschlossen. "Wir werden nicht zulassen, dass an diesem Tag in dieser relativistischen Manier den Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers ins Gesicht geschlagen wird", sagte Stiftungsdirektor Volkhard Knigge mit Blick auf den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.Zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz hat Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) die Brandenburger aufgefordert, Gesicht gegen Rassismus zu zeigen. Auschwitz sei wie kein anderer Ort "zu einem Brandmal deutscher Geschichte, zu einem Symbol für Massenmord und ideologischen Vernichtungswahn" geworden, sagte Woidke. Die Vergangenheit lehre, dass Rassismus niemals erneut Platz in der Gesellschaft finden dürfe. Auch anderenorts habe es Schauplätze unvorstellbarer Verbrechen gegeben. So seien in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Ravensbrück zehntausende Menschen ermordet worden. "Für diese Verbrechen gibt es keine Verjährung. Für diese Verbrechen darf es kein Vergessen geben."