Auch 60 Jahre nach der "Aktion Rose" ist die Erinnerung bei Ilse Fridrich nicht verblasst. "Am 10. Februar 53 begann die Aktion. Morgens um acht Uhr kamen drei Männer, ohne Durchsuchungsbeschluss", erzählt die Frau aus Kühlungsborn, die in diesen Tagen 93 Jahre alt wird.

Ihrer Mutter, die ein Kinderheim betrieb, wurde vorgeworfen, Kohlen und Zucker abgezweigt zu haben. "Das war eine einzige Lüge", regt sich die rüstige Seniorin noch heute auf. Wegen Wirtschaftsverbrechen wurde die Mutter enteignet und Tage später zu 17 Monaten Zuchthaus verurteilt.

Die "Aktion Rose" war eine brutale Enteignungswelle vor allem im Hotel- und Gastgewerbe entlang der DDR-Ostseeküste. Mit meist frei erfundenen Anklagen und Beschuldigungen wurden rund 400 Besitzer von Hotels und Pensionen im Frühjahr 1953 angeklagt, ihr Besitz wurde beschlagnahmt. Historikern zufolge wurden mehr als 621 Immobilien enteignet. Die meisten Häuser wurden in Ferienheime des früheren DDR-Gewerkschaftsdienstes FDGB umgewandelt.

Absurde Urteile

Hunderte Personen wurden von Sondergerichten zu teils absurden Strafen verurteilt. Die Enteignungen gelten als eine der größten staatlich gelenkten Unrechtsaktionen in der europäischen Nachkriegsgeschichte. Viele Menschen flohen aus der DDR und hinterließen ihr gesamtes Hab und Gut, das der Staat dann an sich riss. Die meisten der Verhafteten wurden nach kurzer Gefängniszeit auf Bewährung entlassen - ihr Eigentum erhielten sie nie zurück.

Forderung nach Rehabilitation

Das Trauma der 33-jährigen Ilse Fridrich war nicht zu Ende. Sie war Besitzerin einer kleinen Tischlerei im Ostseebad Kühlungsborn. Wenige Tage, nachdem ihre Mutter verhaftet worden war, kamen erneut drei Vertreter der Staatsmacht - dieses Mal war sie dran. Nun wollte die DDR auch das Gelände der Tischlerei. Nach langer Suche fanden die Männer eine Rechnung über einen in West-Berlin gekauften Mantel. "Ein Schrei der Freude war die Reaktion." Ihr Schicksal war besiegelt. Neun Monate Haft, lautete Wochen später das Urteil, das nur dazu diente, an ihr Vermögen heranzukommen.

Unter erbärmlichen Bedingungen musste sie die Haft absitzen. "Danach standen meine Mutter und ich vor dem Nichts".

Neben der Enteignung war für die Opfer nach Worten von Anne Drescher, stellvertretende Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörden in Mecklenburg-Vorpommern, die öffentliche Bloßstellung mit den meist haltlosen Anschuldigungen schlimm - eine Stigmatisierung, unter der viele bis heute leiden.

Alle Opfer der "Aktion Rose" warteten nach der Wiedervereinigung vergebens auf Rehabilitation. Der materielle Ausgleich sei in den zwei SED-Unrechtsbereinigungsgesetzen 1992 und 1994 zwar recht gut geregelt worden, sagt Drescher. Schon lange gibt es die Forderung nach einer moralischen Wiedergutmachung. "Es geht nicht mehr ums Geld", betont sie. Für zerstörte Familientraditionen, die teils Jahrhunderte zurückreichten, könne es keine Entschädigung geben.