Er hat nicht nur das Ende der DDR überlebt, sondern auch seinen Kollegen aus dem Westen. Allabendlich verstreut der 24 Zentimeter kleine freundliche Bartträger auf dem Bildschirm Sand, damit die Kinder besser einschlafen können. Zuvor gibt es eine kurze Gute-Nacht-Geschichte. Selbst spricht er aber nie. Schon viele Generationen von Jungen und Mädchen sind mit diesem Abend-Ritual aufgewachsen. Der (Ost)-Sandmann selbst feiert nun an diesem Samstag seinen 55. Geburtstag. Damit ist er Deutschlands dienstälteste Kinder-Fernsehfigur.

Am 22. November 1959 flimmerte das Sandmännchen erstmals über die Fernsehbildschirme der DDR - acht Tage früher als die West-Variante. Die Ost-Fernsehmacher hatten Wind von einem ähnlichen Vorhaben im Westen bekommen und wollten unbedingt schneller sein. Der Trickfilmmacher Gerhard Behrendt (1929-2006) entwickelte die kleine Figur nach dem Vorbild von Hans Christian Andersens Märchenfigur "Ole Lukøje" (Ole Augenschließer). Im Gegensatz zum West-Sandmann und zu Ole Lukøje bekam der DDR-Sandmann einen Bart - der ein wenig an den von Ex-SED-Chef Walter Ulbricht erinnert.

Behrendt baute mit einem Team ein Puppen-Trickfilmstudio auf, in dem Hunderte Sandmannfilme entstanden. Das eingängige "Sandmann, lieber Sandmann"-Lied komponierte der Musiker Wolfgang Richter - in nur einer Nacht. In seiner ersten Folge schlief der Sandmann, noch ohne Traumsand zu verstreuen, in einem Hauseingang ein. Der Sender wurde daraufhin mit warmen Sachen, selbst gebastelten Mini-Betten und Wohnungsangeboten bombardiert.

Bei seinem ersten Fernsehauftritt war der Bartträger zu Fuß unterwegs. Doch später kam die kleine Puppe - ganz im Gegensatz zu den DDR-Bürgern - fast überall hin: durch die Weltmeere, zum Mond und ins Märchenland. Der Sandmann saß auf einem fliegenden Teppich und als einer der Ersten immer im neuesten Trabi. Der Fuhrpark ist im Laufe der Jahrzehnte auf mehr als 200 Fahr- und Flugzeuge angewachsen - darunter Traktoren, Dampfer, Eisenbahnen, Taucherglocke, Schlitten, Mondfahrzeug, Jeep und Solarmobil.

Nur an zwei Abenden vor dem Mauerfall warteten die Kinder vergeblich auf den Abendgruß: Nach dem Tod des ersten DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl und dem des Vize-Staatsratsvorsitzenden Johannes Dieckmann.

Rund 30 Jahre lang gab es zwei Sandmännchen. Als Ende 1991 das DDR-Fernsehen seinen Betrieb einstellte, drohte dem Ost-Sandmann die Abwicklung. Zuschauerproteste verhinderten seine Pensionierung. Der West-Sandmann hingegen war verschwunden: Die westdeutschen Regionalsender hatten von 1984 bis 1989 nach und nach abgesetzt.

Zum 55. Geburtstag können Kinder dem Jubilar nun ihre Glückwünsche schicken - "als Bild, Audio-Datei, Video oder als Gebasteltes oder als Foto oder oder oder . . .", wie es auf der Internetseite des Sandmanns beim RBB heißt. Eine spezielle Geburtstagssendung soll es aber nach Angaben einer Sprecherin des Senders nicht geben. Beim MDR gibt es im Internet ein Geburtstagsquiz. Gefragt wird etwa, wer die beiden ältesten Freunde des Sandmanns sind und wie die zweite Zeile des Sandmann-Liedes heißt.

Das Sandmännchen streut im Auftrag der ARD den Kindern in drei Sendern Schlafsand in die Augen: im KiKA, im RBB und im MDR. Die Figur selbst blieb über all die Jahrzehnte unverändert. Dennoch wurde die Sendung modernisiert: Inzwischen gibt es eine Sandmännchen-App - und wer den Abendgruß verpasst, kann ihn auch noch im Internet sehen - jederzeit. Auch eine E-Mail-Adresse hat die TV-Figur. Im Fernsehen schauen dem Sandmann nach Angaben des RBB allabendlich mehr als eine Million Menschen zu.

Wie Kinder das Sandmännchen erreichen können www.sandmaennchen.de/

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