Schon der Name "Anfal", der so viel bedeutet wie "legitime Kriegsbeute", zeigt die Menschenverachtung dieses Regimes, das im April 2003 von der US-Armee gestürzt wurde.
Saddam muss sich von heute an vor dem Sondertribunal in Bagdad wegen der Massenexekutionen und Giftgasangriffe im Kurdengebiet im Jahr 1988 verantworten. Die Anklage gegen ihn und seinen Cousin Ali Hassan al-Madschid, der seit den von ihm befehligten Chemiewaffen-Attacken auf die Kurden "Chemie-Ali" genannt wird, lautet auf Völkermord. Sechs weitere Iraker sind wegen anderer Verbrechen im Zuge von "Anfal" angeklagt.
Den Kurden soll dieser Prozess gegen den Ex-Machthaber das Gefühl geben, dass auch ihr Leid ernst genommen wird, nachdem Saddam in einem ersten Prozess wegen der Hinrichtung von 148 Schiiten in Dudschail vor Gericht gestellt worden war. Niemand weiß genau, wie viele Kurden durch "Anfal" starben. Der Feldzug dauerte mehr als fünf Monate und hatte von Anfang an die systematische Vertreibung und Ermordung von Zehntausenden zum Ziel. Kurdische und unabhängige Schätzungen gehen von 50 000 bis 180 000 Toten aus.
Getrieben von Rassismus und bewaffnet mit dem Vorwurf, die Kurden unterstützten den damaligen Kriegsgegner Iran, erklärte das Saddam-Regime ländliche Kurdengebiete im Nordirak zu Sperrzonen. Wer diese nicht freiwillig verließ, wurde getötet. Gleichzeitig bemühte sich Saddam, Araber aus anderen Landesteilen im kurdischen Norden anzusiedeln.
Die fürchterlichste Gräueltat dieses Feldzuges ereignete sich im März 1988, als die Bewohner der Stadt Halabdscha nahe der iranischen Grenze plötzlich einen süßlichen Apfelgeruch wahrnahmen. Stunden später lagen rund 5000 Menschen tot in ihren Häusern oder auf den Straßen. "Chemie-Ali" hatte zugeschlagen.
Die Schreckensbilder aus Halabdscha wurden von kurdischen Aktivisten auch im Westen verbreitet. Doch Saddam war damals noch ein Verbündeter der USA in der Auseinandersetzung mit dem schiitischen Regime in Teheran. Entsprechend verhalten fielen die Reaktionen aus.
Für die Überlebenden bedeutet der Völkermord-Prozess nun Genugtuung und späte Gerechtigkeit. Doch mischt sich das Gedenken an den Horror von einst im Irak inzwischen häufig mit dem Entsetzen über die Gewalt von heute. Sinnbild für diese traurige Entwicklung waren Zusammenstöße zwischen kurdischen Zivilisten und Sicherheitskräften im vergangenen April, bei denen das Mahnmal für die Opfer des Giftgasangriffes beschädigt wurde.